Samstag, 2. Dezember 2017

2. Dezember 1917


„Die Kompagnie marschierte über Quero, Colmirano, Alano und gelangte bei Einbruch der Nacht an den Fuß des Berges. Der Aufstieg auf dem steilen Anmarschweg war sehr schwierig. Auf einer Geröllschurre ging es zunächst bis zu einer auf dem ersten Viertel des Hanges errichteten kleinen Steinhütte, in der sich der Stab des II. Batl. Inf.-Regt. 52 befand. In der Umgebung dieser Hütte wurde gerastet und die Rückkehr des zur Gipfelstellung entsandten Übernahmekommandos abgewartet. Es war gar nicht so ein-fach, sich auf dem steilen Hang zur Ruhe zu legen, da man ständig der Gefahr ausge-setzt war, im Schlafe in die Tiefe zu kollern. Wir wußten uns aber zu helfen. An der einen Seite war der Berg mit Bäumchen und Sträuchern bewachsen. Nun schickte man sich an, Zweige zwischen den Bäumen zu befestigen und sich auf diese Weise ein einigermaßen haltbares Lager für die Nacht zurechtzumachen. Obwohl auf dem Gipfel des Berges und den Anmarschwegen unausgesetzt die feindlichen Granat- und Schrap-nellsalven krachten und es zudem hier in den venezianischen Alpen Ende November des Nachts schon ziemlich kühl war, lag binnen weniger Minuten alles in tiefstem Schlaf.
Gegen 3 Uhr morgens wurde der Aufstieg zum Gipfel in Kolonne zu einem fortgesetzt. Auf allen Vieren krochen wir die immer steiler werdenden Hänge hinan. Da zu gleicher Zeit italienische Abteilungen die Kuppenstellung angriffen, lagen die Anmarschwege, besonders im oberen Abschnitt, unter heftigen Schrapnellfeuer.
Endlich erreichten wir die Stellung. Diese bestand aus notdürftig aus gebauten Gräben, die deutsche und österreichische Truppen wenige Tage vorher gestürmt hatten. Leichen lagen vor der Brustwehr – an einem italienischen Geschütz mit toter Bedienungsmann-schaft kamen wir vorüber. Die einzelnen Grabenstücke waren weder miteinander ver-bunden, noch durch Hindernisse geschützt. Wie wir erfuhren, sollte der Gegner am rechten Flügel etwa 20 Meter und von da nach Osten allmählich bis zu 150 Meter entfernt liegen.
Nachdem die Kompagnie die Gräben bezogen hatte, eröffneten die Italiener ein leb-haftes Feuer mit Schrapnells und Granaten, das etwa eine Viertelstunde anhielt. Nur wenige Postenlöcher waren vorhanden und so mußte die Mannschaft zum größten Teil ungeschützt auf der Grabensohle kampieren. In dem felsigen Boden ging die Schanz-arbeit nur langsam voran. Bei Tag schossen die feindlichen Gebirgskanonen von ihrer erhöhten Stellung aus mit direktem Schuß auf jeden einzelnen Mann, der sich im Gra-ben erhob. Der Verkehr mit den Kompagnien des Infanterie-Regiments 52 konnte kaum aufrecht erhalten werden, denn es war nur ein einziger durchlaufender Verbindungs-graben vorhanden, und zwar am äußeren rechten Flügel, wo der Westhang des Tomba-plateaus jäh in den Torrente Ornigo abfällt. Dieser mußte Nacht für Nacht im feind-lichen Feuer freigemacht werden, da ihn die Italiener mit besonders hierzu eingeteilten Geschützen ständig zudeckten.
Seitwärts überhöht der Monte Pallone um etwa 400 Meter den Berg Tomba. Der Gegner hatte, wie die Fliegeraufklärung ergab, annähernd 50 Geschütze auf dem langgestrek-kten Rücken des Monte Pallone aufgefahren, die von der Flanke aus die Tombastellung bestrichen. Inn halbstündigen Pausen kamen regelmäßig Lagen von 15 bis 20 Granaten und Schrapnells auf die Gräben und Anmarschwege. Die eigene Artillerie konnte wegen Munitionsmangel das Feuer nicht in gleichem Maße erwidern.
Nachts wurde durch Trägertrupps und Tragtiere das Essen in die Stellung gebracht. Den schwierigen Nachschub hatte der Führer des 3. Zuges, Vizefeldwebel Heinecke zu lei-ten. Das Essen kam, da es an Kochkisten fehlte, nach dreistündigem Marsch kalt herauf und mußte so genossen werden; an ein Feuermachen war bei der Wachsamkeit der feindlichen Artilleriebeobachtung nicht zu denken.
Durch Granatvolltreffer fanden die Grenadiere Otto Diedrich und van Rhee den Tod; sie wurden von einigen Kameraden in der Nacht am Hang hinter der Stellung beerdigt.“


aus: „Württembergische Sturmkompagnie im großen Krieg“ׅ, Stuttgart 1930

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