Montag, 25. Dezember 2017

25. Dezember 1917


„Am heiligen Abend wehte Westwind. Tagsüber hatte sich die feindliche Artillerie beson-ders tätig gezeigt. In den Stellungen südlich Givenchy war viel verdächtiger Verkehr und Arbeitsgeräusch bemerkt worden. Das Regiment hatte für die Stellungs-bataillone (seit 22. 12. im Nordabschnitt I., seit 15. 12. im Südabschnitt III.) vorsorglich „höchste Gasbereitschaft“ angeordnet.
Und richtig, 8 Uhr abends, als die Kompagnien in ihren Unterschlupfen sich an den aus der Heimat eingegangenen Weihnachtsgrüßen erfreuten, blitzte am regendunkeln Nachthimmel ein gewaltiger Feuerschein von ungewöhnlicher Helligkeit auf. Gleich darauf schlugen mehrere hundert wahrscheinlich aus elektrisch betätigten Werfern abgefeuerte Gasminen, vermischt mit schweren und mittleren Artillerie-Brisanzgrana-ten, unter entsetzlichem Krachen vor, in und hinter der ersten Linie der Kampfstellung im Südabschnitt, hauptsächlich bei der 11. Kompagnie am linken Flügel, ein. In der deutschen Linie gingen überall Leuchtsignale hoch. Alle Batterien, Minenwerfer und Maschinengewehre gaben Sperrfeuer und dann Vernichtungsfeuer ab, um den erwarte-ten Vorstoß der englischen Infanterie rechtzeitig aufzuhalten. Ein solcher erfolgte jedoch nicht. 11 Uhr abends und am 25. Dezember 1 Uhr früh wiederholten sich die englischen Feuerüberfälle, bei denen im ganzen wohl 1000 Gasminen über unsere Stellung nieder-gegangen sein mögen. Das Gas hielt sich in den Gräben der 11. Kompagnie bis zu 1½ Stunden, bei der rechts davon eingesetzten 12. Kompagnie ¼ – ¾ Stunden je nach der Lage zum Wind und der Tiefe. Stellen, an denen Volltreffer niedergegangen waren, konnten auch am andern Tage ohne Gasmaske nicht begangen werden. Das III. Bata-illon hatte außer einigen durch Sprengstücke verwundeten Leuten 24 Gasvergiftete zu beklagen, von denen 8 teils sofort, teils wenig später gestorben sind. Vom ersten Weih-nachtsfeiertag an herrschte wieder „Ruhe“, d. h. die gewöhnliche Kampftätigkeit von beiden Seiten.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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