Donnerstag, 21. Dezember 2017

21. Dezember 1917


„Die Feuervorbereitung verläuft planmäßig, aber der Gegner ist auf der Hut. Die starke Feuertätigkeit der letzten Wochen hat ihn mißtrauisch gemacht. Er erwartet einen Angriff und ist, wie die Gefangenen aussagen, schon seit drei Tagen alarmbereit. Noch in der Nacht ist den Posten für Tagesanbruch größte Aufmerksamkeit eingeschärft worden. So sind die Sprengungen im eigenen Hindernis gleich nach Einsetzen des Feuers zweifellos als solche erkannt worden. Schon die Sprengtrupps werden mit Handgranaten beworfen, und noch ehe die Patrouillen um 7.20 Uhr losbrechen, liegt schon Feuer auf einer Ausbruchstelle. Der Dinastollen ist durch einen eigenen Kurz-gänger verschüttet. Die Nahkampfmittel haben im Hindernis nicht genügend gewirkt. Da muß gesprengt werden. Das gibt Aufenthalt. In der vorderen Linie stehen noch die Posten. Nur einer ist durch die Vorbereitung außer Gefecht gesetzt. Sie schießen und werfen Handgranaten. Schon ist es völlig Tag, ein außergewöhnlich schöner und klarer Tag. Deutlich sieht man hinüber bis zum Molkenrain. Von der Wolke von Staub und Rauch, die das ganze Angriffsgelände einhüllen sollte, ist nichts zu sehen, nichts von der Wolkenwand des Riegelfeuers, nichts von dem dichten Nebel auf dem namenlosen Hang. Das Gefühl, von allen Seiten eingesehen zu sein, verläßt keinen. Jeder einzelne Mann hebt sich klar und scharf umrissen vom Morgenhimmel ab. Wohlgezieltes Ma-schinengewehrfeuer kommt vom namenlosen Hang und Molkenrain herüber. Man kann nur in Gräben und Trichtern vorwärtskommen, und trotz des Widerstandes der Posten geht es rücksichtslos vorwärts. Unteroffizier Epple ist als erster im feindlichen Graben, und unbekümmert um die Posten rechts und links stürmt er vorwärts, bis das tödliche Blei ihn trifft. Im letzten Augenblick hat Oberleutnant Steimle seine Teilnahme gemel-det, man soll ihn nicht am Fernsprecher festhalten können, während der beste Teil seiner Kompagnie im Nahkampf mit dem Feinde steht. Die zurückgehenden Posten des Feindes halten bis zum Äußersten. Der letzte weicht erst, als die Kameraden gefallen sind. Die Voraussetzung, auf die das Unternehmen sich aufbaut, daß der Gegner die erste Linie räumt, ist hinfällig geworden. Warum? Sind andere Grundsätze maßgebend geworden, verhält sich die aktive Truppe anders, war die Feuervorbereitung zu kurz? Das ist ganz gleichgültig. Das Ziel muß erreicht werden, und es wurde erreicht. Aber der Zeitverlust hat dem Gegner ermöglicht, die Widerstandslinie zu besetzten und Maschinengewehre in Stellung zu bringen. Trotzdem geht es darüber hinweg. Die Unterstützungstrupps richten sich ein. Sie riegeln die Gräben ab und sichern die Flan-ken. Der Fernsprechtrupp hält Verbindung mit der Gefechtsleitung im Aussichtsfelsen, bis seine Drähte nicht mehr zu flicken sind. Das eigene Riegelfeuer liegt weit ab und ist so schwach, daß es leicht scheint, es zu durchschreiten. Die feindlichen Minenwerfer im Lager III und Lager Burlureau feuern bis zum letzten Augenblick, und als der Minen-werferleutnant Weiß sie mit Handgranaten vertreibt, da zieht der letzte, der zur Aus-schußöffnung herausspringt, vorher noch die Leine ab. Nun rasch die Unterstände ausge-räumt. Kaum einer ist zerschossen, auch in den völlig gangbaren Gräben kaum ein Treffer. Brandröhren fliegen in die Unterstände und Handgranaten in die Fuchslö-cher, und da kommen sie heraus, dort drei, dort vier, dort fünf. Aber trotz schwerer Verluste wehrt sich der Gegner verzweifelt. Im Lager Burlureau kommt es zu erbitterten Nahkämpfen. Angesichts der Stürmenden feuern drei Minenwerfer, durch rasendes Maschinengewehrfeuer, durch das nicht durchzukommen ist, gedeckt, weiter. Auch der Einsatz von Flammenwerfern ist vergeblich. Man muß zurück. Nebelbomben erleichtern den Rückzug. Steil geht es den Berghang hinauf, während die Kugeln uns um die Köpfe pfeifen und die Maschinengewehre rattern. Von Granatloch springt man zu Granatloch, ohne auf die Risse und Schrammen zu achten, die man sich in dem Stacheldraht holt, mit dem sie ausgefüllt sind. In Fetzen hängen die Kleider vom Leibe. Im vorderen Hin-dernis liegen die Posten mit dem Panzer auf dem Rücken. Sie weisen den Weg zurück und schaffen die Verwundeten auf Tragbahren fort. Der Feind drängt nach. Schon werden rechts und links aufziehende Posten gemeldet. Schnell laufen die Meldungen im Gefechtsstand ein.  Die Störungstrupps flicken die zerschossenen Leitungen so ruhig im Feuer wie nur je in stillen Zeiten. Nur von der mittleren Patrouille fehlt noch jede Nachricht. Ein banger Augenblick ist’s im Gefechtsstand. Die Minenwerfer werden bereitgestellt, und dann harrt man wieder bange Minuten und Viertelstunden. Endlich sind alle zurück, bis auf 2 Mann vom Regiment, die drüben gefallen und geblieben sind. Nur Leutnant Lude wird noch vermißt. Die Patrouillen, die nach ihm suchen, finden nichts von ihm. Man hat ihn als letzten zurückgehen sehen. Einen Mann vom Sturm-bataillon bringt man tot zurück. Vom Regiment sind 2 Mann schwer, Oberleutnant Steimle und 9 Mann leicht verwundet, dazu 3 Mann vom Sturmbataillon XVI schwer und 4 leicht verwundet. Ein Pionier ist ebenfalls leicht verwundet. Das feindliche Artilleriefeuer, das anfangs schwach und unsicher war, das zuerst zu weit ging und dann auch Schüsse in die eigene Linie brachte, ist zu größter Heftigkeit angeschwollen, die Kuppe allein erhält über 2000 Schuß. Das Gasschießen hat also zweifellos den Erfolg gehabt, die Sperrfeuerbatterien nach dem Hartmannsweilerkopf auszuschalten, so daß andere Geschütze eingesetzt und erst eingeschossen werden mußten.“

aus: „Das Württembergische Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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