Freitag, 25. Mai 2018

25. Mai 1918


„Nach mehrstündiger Nachtfahrt auf holprigen Straßen langte man über Dercy – Mortiers in Crecy sur Serre und Chalandray an. Hier ausladen und Notunterkunft. 
Am anderen Morgen harrte unser trotz aller Vorbereitung zur Schlacht noch ein  friedlicher Genuß. In der schönen, romanischen Kirche von Crecy sang uns der Männerchor von Laon unter Leitung von Professor Fritz Stein ein ergreifendes Abschiedslied. Für manchen unter uns war es der Abschied für immer. Mit eigenartigen Gefühlen verließ man diese Stätte des Friedens. Es war dunkel geworden. Weiter rollten unsere Lastkraftwagen wieder südwärts, den zuckenden Blitzen entgegen. Von Crecy ging es über Aulnois nach Laval; Pferde und Fahrzeuge folgten nach dem Waldlager bei Château de Mailly westlich davon. Schon war man dicht an der Front. Da und dort einschlagende Granaten ließen keinen Zweifel darüber. An Feuermachen war nicht mehr zu denken, sonst hätte der böse Feind auch Feuer gemacht und dann wäre es doch zu warm geworden. Man legte sich also kalt schlafen, wurde aber leider durch das unbehagliche Krachen gewisser Granaten daran erinnert, daß man hier kein Recht mehr auf ungestörte Nachtruhe hatte. Bei Tagesanbruch merkten wir dann, daß das Feuer weniger uns als unseren Geschützen galt, von denen der ganze Wald förmlich wimmelte. Über 30 Batterien standen hier. Auch zwei 42er lauerten auf die Feuereröffnung. Wohl die meisten von uns sahen hier zum erstenmal diese mächtigen Geschütze mit ihrem gähnenden Schlund. Auch die unheimlichen Geschosse lagen dabei, sorgsam unter Zweigen versteckt. Mit sichtlicher Befriedigung stand man, die Hände in den Hosen-taschen, um diese dicken Dinger rum, wobei allerlei Kraftsprüche hin- und herflogen. Die Geschütz-posten konnten all die Fragen gar nicht beantworten. Es genügte ja schließlich, zu wissen, daß die beiden „Dicken“ mittaten, was allerseits lebhafte Genugtuung hervorrief.
Als es völlig hell geworden war, durfte sich niemand mehr außerhalb des Waldes zeigen. Gegen Mittag wurde das Wetter schlecht. Starker Regen trommelte gegen die Barackenfenster. Die feindlichen Flieger verschwanden, das Artilleriefeuer aber steigerte sich. Der Feind schien unserem Frieden nicht zu trauen. Unausgesetzt streute seine Artillerie das Hintergelände und die Anmarschstraßen ab.
Allmählich wurde es in unserem Lager recht ungemütlich. Schon traten Verluste ein, die sich bis zum Abend auf 2 Tote und 19 Verwundete steigerten.“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

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