Sonntag, 27. Mai 2018

27. Mai 1918



„Trotz des lebhaften feindlichen Artilleriefeuers mit Splitter- und Gasmunition konnte die Bewegung unter geringen Verlusten ausgeführt werden. 1 Uhr nachts stand das Regiment mit I. Batl. rechts, II. Batl. links, mit Regimentsstab, 3. M. G.-Komp., Inf.-Geschütz-Batterie und Werfer-Komp. in Monampteuil zum Angriff bereit. Ange-schmiegt an den Bassindamm, der von Minenwerfern aller Kaliber gespickt war, harrte man der Dinge, die da kommen sollten. Das feindliche Störungsfeuer flaute allmählich ab. Es wurde ruhiger. Nur unsere Pulse schlugen in Erwartung des Kampfes immer lauter. Traumhaft verstrich die Zeit in der naßkalten Nacht. Ein Flüstern da und dort, das dumpfe Klappern eines Kochgeschirres und weit in der Ferne verlorenes Wagengerassel. Ein Blitz, ein scharfer Knall zerriß für Sekunden die Stille der Nacht, dann kehrte die Ruhe wieder. Langsam rückten die Zeiger der Uhr auf 2 Uhr früh. Die Spannung steigerte sich. Nur noch Minuten, dann öffneten sich tausend Schlünde zu rasendem Spiel.
Da – ein Feuerstrahl, ein Krachen ringsum, die Hölle des Großkampfes hatte ihre Pforten geöffnet. Der Boden zitterte unter den dröhnenden Schlägen der feuerspeienden Rohre. Dicht neben uns stiegen schwere Minen wie schwarze Schatten zum Himmel. Mit ohrenbetäubendem Getöse schlugen sie drüben ein. Mächtige Erdfontänen schossen empor. Kein menschlicher Laut war mehr vernehmbar. Wie gebannt stierte alles in den Feuerwirbel – bald verträumt, bald erschrocken. Hatte der Franzose noch nicht geant-wortet oder hatte man es nur nicht bemerkt? Wie sollte man auch in diesem Lärm noch Freund und Feind unterscheiden? Doch kaum gedacht, kam schon die Antwort. Turmhoch stiegen die Wassersäulen von den einschlagenden Granaten im Stausee und in der Ailette. Ein Hagelwetter von Erdbrocken, Splittern und Rasenstücken prasselte auf uns nieder. Der Franzose wußte offenbar, wo wir steckten. Schnell drückten wir uns wie die Ratten in unsere Löcher im Damm. Diese schützten uns leidlich auch gegen die Frühkrepierer der eigenen Minen. Allmählich verstrichen die Stunden der Feuervor-bereitung. Die feindliche Gegenwehr ließ nach. Unser Gas hatte gewirkt. 3.30 Uhr morgens rückten die Bataillone in die Sturmausgangsstellung: das I. Batl. dicht westlich des Bassins über den Oise-Aisne-Kanal, das II. Batl. östlich davon auf Schnellbrücken über die Ailette und den Kanal.
4.15 Uhr morgens arbeiteten sich die Kompagnien an die 500 m südlich des Bassins beginnende Feuerwalze heran. Dem I. Batl. fiel dabei der Raum vom Nordrand Pargny bis Nordwestrand Filain zu. Das II. Batl. hatte Befehl, mit 4. Komp. im Anschluß an Inf.-Regt. 66 südlich gegen die sog. Russennase vorzugehen, um dann nach Westen gegen die Royère-Ferme einzubiegen. Die 5. Komp. war zum Angriff gegen den Süd-ostrand von Filain angesetzt, um von hier aus gegen die Tauentziennase vorzustoßen und dann zusammen mit 2. M. G.-Komp. den Damenweg zu erreichen. Die 6. Komp. sollte den Ostteil von Filain und die Tauentziennase säubern. So lauteten die Aufträge. 4.30 Uhr morgens hatten sich die Kompagnien der einsetzenden Feuerwalze genähert – der Sturm begann.  Jetzt endlich löste sich die fast unerträgliche Spannung – jetzt durfte man vorwärts, ran an den Feind. Mit aufgepflanztem Seitengewehr wurde in die rau-chenden Ruinen von Pargny eingebrochen, wo der Feind trotz des höllischen Feuers noch Widerstand leistete. Doch nicht mehr lange, denn nach wenigen Minuten war die Ortschaft genommen. Schon hemmten jedoch seine Maschinengewehre unser weiteres Vorwärtskommen. Das unübersichtliche, mit Hecken und altem Mauerwerk durchsetzte Gelände begünstigte die Abwehr, vor allem oben am Höhenrand. Dort hielt sich der Gegner auch besonders zäh. Unter dem Schutze unserer gutliegenden Feuerwalze wurde indes auch dieser Widerstand gebrochen. Im Kampf Mann gegen Mann mußte der Feind seinen heimatlichen Boden räumen. Die 4. Komp. hatte in schnellem Vorstoß die Royère-Ferme genommen, während die 5. und 6. Kompagnie in Filain und auf der Tauentziennase auf heftigen Widerstand gestoßen waren. Jeder Fußbreit Boden mußte in dem zerwühlten, sumpfigen, von Drähten durchzogenen Vorgelände von Filain erkämpft werden. Nur langsam kam hier das II. Batl. vorwärts; hartnäckig sich verteidigende M. G.-Nester in den Ruinen von Filain forderten blutige Opfer. Erst nach Überwinden dieses Widerstandes ging es vorwärts über die Tauentziennase gegen den Chemin des Dames. Die von Gräben durchfurchte Hochebene lag völlig im Nebel, so daß die Richtung mit dem Kompaß gehalten werden mußte. Da jedoch Zug- und Gruppenführer vorher an Hand guten Karten- und Lichtbildmaterials eingewiesen waren, glückte diese schwierige Bewegung.
Die 2. Komp. und die 1. M. G.-Komp. waren durch das Weißbachtal gefolgt. Sie scho-ben sich später, als der Nebel die Verbindung zwischen der 1. und 3. Komp. unterbrach, in die Lücke ein.
6.30 Uhr morgens war der Kamm des Chemin des Dames stiegen und damit der erste Schritt zum Sieg getan.
In ungestümem Vorwärtsdrängen hinter dem sich immer wieder stellenden Feinde wurde der Führer der 3. Komp., Leutnant d. R. Höflinger verwundet; Leutnant d. R. Leuze übernahm die Kompagnie. Der feindliche Widerstand wurde nach Einsatz der 1. M. G.-Komp. und der Inf.-Geschütz-Batterie gebrochen und der Gegner über das völlig umgewühlte Gelände südwärts geworfen. Kurz darauf wurde auch die Hameret-Ferme im Sturme genommen. Auf der Hochfläche südlich der Ferme fielen der 4. Komp. und 2. M. G.-Komp. 10 feuernde Feldgeschütze in die Hand, während in der stark vergasten Schlucht, die sich von Hameret-Ferme nach Aizy hinzog, 10 schwere Geschütze und zwei 16-cm-Schiffskanonen von der 5. und 6. Komp. erbeutet wurden. Nun aber sperrte das langsame Tempo der Feuerwalze den Weg. Rasch entschlossen wurde diese Zeit dazu benützt, die Truppe für den weiteren Angriff wieder in die Hand zu nehmen. Auf der Bergnase nördlich Aizy wurde gesammelt. Weithin zogen durch Täler und Mulden die dicken, weißlichen Schwaden unserer Gasgranaten. Immer noch dröhnten die Geschütze, während sich im Süden der Nebel aus dem Aisne-Tal hob. Nach schwerem Kampf war eine Atempause eingetreten, deren Freund und Feind gleichermaßen bedurf-ten.
Während unsere Angriffskolonnen mit Sturmbeginn dem Gegner auf den Fersen blieben und damit der feindlichen Artilleriewirkung großenteils entzogen waren, lagen alle rückwärtigen Verbindungen unter mörderischem Feuer. Der Gegner wollte das Nach-führen unserer Reserven unterbinden, die Zufuhr abschneiden und damit den Angriff lähmen. Vergebens.
Nach Eroberung der Höhen des Damenweges bot der Regiments-Gefechtsstand in Monampteuil nicht mehr den nötigen Überblick. Der Regimentsstab folgte dem I. Bataillon und geriet dabei unweit Pargny in das feindliche Abriegelungsfeuer. Eine Gruppe schwerer Granaten schlug mitten in den Stab. Dem Regiments-Kommandeur, Major Sproesser, wurde von zackigem Splitter die linke Hand zerschmettert, der Regiments-Adjutant, Leutnant d. R. Kehrer, und der stellvertr. M. G.-Offizier, Leutnant d. R. Calwer, sanken tödlich getroffen zu Boden. Die siegreichen Bataillone ahnten nichts von dem schweren Verlust; sie standen schon wieder im Angriff. 10.30 Uhr vormittags war das II. Batl. gegen Aizy angetreten. Beim Durchschreiten der Trümmer des einst blühenden Dorfes schlug plötzlich starkes M. G.-Feuer von der benachbarten Höhe her ein. Sofort wurde die 4. Komp. dagegen entwickelt mit dem Erfolg, daß etwa 20 feindliche M. G.-Schützen, die eben auf einem Lastkraftwagen zu entkommen suchten, als Gefangene eingebracht wurden. Unaufhaltsam ging es gegen die Höhe 169 weiter, wobei am Westrand von Jouy von der 4. Komp. 6 schwere Haubitzen genommen wurden. Beide Bataillone rückten nunmehr über Südrand Aizy – Jouy entlang dem oberen Rande der Westschlucht vor. Gegen 11.50 Uhr vormittags hatten die 5. und 6. Komp. die Höhe 169, gegen 1 Uhr nachmittags das ganze Regiment den Südrand dieser Hochfläche erreicht, von wo aus Sicherungen vorgeschoben wurden. Erst hier drang die Kunde vom Schicksal des Regimentsstabes zu den Bataillonen. Von Mund zu Mund eilte die Hiobsbotschaft und manch wetterhartes Gesicht verriet Trauer und Schmerz. Bewegten Herzens übernahm der Führer des I. Bataillons, Hauptmann d. R. Storch-dorph, die Führung des Regiments, Leutnant d. R. Grau die des I. Bataillons.
4 Uhr nachmittags befahl die Brigade die Fortführung des Angriffs. Das Gebirgs-regiment hatte links neben Inf.-Regt. 159 in Richtung auf Les Carrières – Fort Condé anzugreifen. Wirksam unterstützt durch unsere Minenwerfer und Infanterie-Geschütze wurde angetreten. Das I. Bataillon ging gegen Château de Vauxelles vor, fand dieses vom Feinde geräumt, dagegen den Höhenrand bei Ober-Celles und Celles stark besetzt. Der im Anschluß an Inf.-Regt. 66 geführte Angriff blieb ohne Erfolg, da ein Vorwärtskommen ohne gleichzeitiges Vorgehen des rechten Nachbars (Inf.-Regt. 159) nicht möglich war. Das Bataillon rückte deshalb gegen Abend in die Schlangenmulde am Westhang der Höhe 169, wo es unter Vorschieben von Sicherungen zunächst blieb. Inzwischen hatte auch das II. Bataillon am Südwesthang der Höhe 169 den Vormarsch gegen Les Carrières angetreten. Da jedoch auch hier die Unterstützung durch den Nachbarn ausblieb, schob sich auch das II. Bataillon in die Schlangenmulde, um dort die Nacht zu verbringen. Der große Tag neigte sich zu Ende. Das Ziel – die Wegnahme der Höhen des Damenweges – war erreicht. Doch als es Abend wurde und man sich umsah nach seinen Kameraden, da fehlte mancher, der noch vor kurzem in unsern reihen stand. 2 Offiziere und 34 Schützen hatten den Ehrentod auf dem Schlachtfeld gefunden; 6 Offiziere, 130 Unteroffiziere und Mannschaften waren verwundet. Schwer die Verluste, aber groß der Erfolg! Die beherrschenden feindlichen Stellungen waren unser. Über 1000 Gefangene, 49 Geschütze, 60 Maschinengewehrte, 2 Tanks, 8 Kraftwagen und 1 Funkstation waren der Siegespreis.“


aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

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