Donnerstag, 23. März 2017

23. März 1917


„Während die 26. Res.-Division sich in der Siegfriedstellung einrichtete, fiel dem III. Bataillon des Res.-Reg. 119 mit der 3. Maschinengewehrkompagnie, der halben 2. Eska-dron des Ulanenreg. 20, einem Zug der württembergischen Radfahrerkompagnie und einem Zug der II. Abteilung des Feldart.-Reg. 26 die Sicherung des Divisionsabschnittes zu. Vorfühlende feindliche Erkundungsabteilungen sollten abgewiesen, vor stärkeren Kräften ohne ernsten Widerstand auf die Siegfriedstellung zurückgegangen werden. Ecoust-St. Mein und Noreuil waren die Stützpunkte der Vorpostenlinie. Wie zwei Boll-werke lagen die Dörfer vor der Hauptstellung; an ihnen sollten sich die ersten feind-lichen Wellen brechen.
Vom Morgen des 18. März an waren keine eigenen Truppen mehr vor den Vorposten. Nur Patrouillen schwärmten gegen den Feind und Ulanen lagen in Mory. Bei Croisilles standen die Posten der 220. Inf.-Division, bei Lagnicourt die der 2. Garde-Res.-Division. Ecoust-St. Mein war von der 12. Komp., Noreuil von der 11. besetzt. An allen Wegen standen Posten und Maschinengewehre, die die zur Siegfriedstellung ziehenden Mulden bestreichen konnten.
Schon am 17. März hatten die Engländer Ablainzevelle, Achiet-le-Grand und Biefvillers besetzt. Am 18. stießen sie weiter vor und erreichten vormittags Hamelincourt, Ervillers, Béhagnies und Sapignies. Zahlreiche Patrouillen, oft von Infanteriefliegern begleitet, sah man überall vorgehen. Abgesessene Kavallerie und Infanterie vermischt, griff in Schützenlinien Mory an und die Ulanen zogen sich auf Ecoust-St. Mein zurück. Überall flackerte Patrouillenfeuer auf. Tapfer und furchtlos rauften sich die Schwaben mit den vorstoßenden Australiern. Die englischen Flieger griffen mit Maschinen-gewehrfeuer in die Kämpfe auf dem Erdboden ein. Erbost wandten sich die Patrouillen gegen die unbequemen Gegner. Eine Streifabteilung der 12. Komp. unter dem dreimal schwerverwundeten Reservisten Adolf Kromer, der sich kaum geheilt immer wieder freiwillig an die Front gemeldet hatte, und eine andere der 11. Komp. schossen einen feindlichen Einsitzer ab. Das Flugzeug zerschellte am Boden. Der Insasse war tot. Ungeachtet der Beschießung durch feindliche Streifen bargen die Schwaben Briefe, Karten und das Maschinengewehr, das sie kurz zuvor noch beschossen hatte. Triumph-ierend zogen sie sich damit zurück. Nachmittags sah man Kavallerie und Infanterie mit Maschinengewehren auf Tragtieren von Frémicourt auf Beugny vorgehen. Abends besetzte eine feindliche Kompagnie Vaulx-Vraucourt. Immer näher schob sich der Gegner heran. Seine Kavallerie setzte in der Morgendämmerung des 19. März ihre Aufklärungstätigkeit eifrig fort. Die Ulanen nahmen ihr in Patrouillenkämpfen einen indischen Reiter ab. Bisher hatte dem Gegner die Artillerie noch gefehlt. Nun war es ihm gelungen, sie trotz aller Wegezerstörungen heranzubringen. Schon feuerte eine Batterie südlich der Zuckerfabrik Vraucourt. St Léger wurde von Mory aus angegriffen und von der Nachbardivision geräumt. Es war zu erwarten, daß die Engländer am 20. März versuchen würden, auch Ecoust-St. Mein und Noreuil zu nehmen. Zahlreiche Patrouillen wurden vorgeschickt, um die anmarschierenden Engländer rechtzeitig zu erkennen. Gegen 5 Uhr, es war noch dunkel, stieß eine Patrouille der 7./R. R. 121 unter Leutnant d. Res. Bittlingmeier auf der Straße Ecoust-St. Mein – Beugnâtre auf einen Halbzug Engländer, die im Schutze der gefällten Bäume die Straße entlang vorgingen. Bittlingmeier legte sich in den Sprengtrichter auf der Höhe 111 und eröffnete das Feuer. Während des Gefechtes sah die Patrouille von Vaulx her dichte Schützenlinien ankom-men und zog sich, als sie sich verschossen hatte und die Engländer ein Maschinen-gewehr zum Angriff ansetzten, auf die Feldwache der 12. Komp. zurück. Inzwischen war es hell geworden. In 4 – 5 Wellen griffen die Australier an. Die Posten der 12. Komp. eröffneten ein mörderisches Infanterie- und Maschinengewehrfeuer, das die Angreifer aufhielt. Aber die Maschinengewehre, die nur 2000 Schuß bei sich hatten, hatten sich schon nach kurzer Zeit verschossen und die Posten sahen sich genötigt, auf die gefechtsbereiten Feldwachen zurückzugehen. Von Ecoust-St. Mein aus war die ganze Gefechtshandlung beobachtet worden. Der Batteriezug Becker, der am Bahnein-schnitt hinter dem Dorf stand, belegte die vorgehenden Australier mit Schrapnellen und Granaten und brachte ihre Linien in Verwirrung, ohne sie aufhalten zu können. Bald hatten sie die Höhe 111 erreicht, den Trichter besetzt und saßen nun kaum 500 Meter von der im Tal liegenden Ortsbefestigung. Von St. Léger her aber drohten Kavallerie- und Infanteriepatrouillen mit Rechtsumfassung. Die Lage war kritisch; denn mit Infanteriefeuer war dem Gegner nicht beizukommen. Unterdessen waren die Beobachter verschiedener Batterien beim Führer der 12. Komp., Leutnant d. Res. Seytter, eingetrof-fen. Rasch wurde Kriegsrat gehalten, die Zielstreifen verteilt und in kurzer Zeit wirksames Artilleriefeuer gegen die schutzlos auf der Höhe liegenden Australier eröffnet, dem sie nicht standhielten. Sie flüchteten hinter den Höhenrand und in die nicht eingesehenen Mulden. Gegen 9 Uhr trat hier Ruhe ein. Munition kam an; eine Patrouille besetzte wieder den Unteroffizierposten an der Straße nach Beugnâtre und meldete, daß der Trichter auf der Höhe stark besetzt sei. Gegen 10 Uhr griffen die Australier aufs neue in starken Wellen an, fluteten aber im gut sitzenden Feuer der Batterien wieder zurück. Nun galt es, den Gegner auch aus dem Trichter zu vertreiben. Die Artillerie legte starkes Feuer auf ihn und das dahinterliegende Straßenstück, während eine 20 Mann starke Sturmtruppe in ihrem Schutze vorging. Zweimal mußten sie im Feuer rechts und links flankierender Lewisgewehre zurückgehen. Leutnant Seytter schlug nun vor, den Trichter mit einem 21 cm-Mörser unter Feuer zu nehmen. Bereitwillig ging die Artillerie auf den Wunsch ein. Schon der zweite Schuß saß in der Nähe des Trichters und erregte bei der Trichterbesatzung großes Unbehagen. Beim dritten riß der größte Teil aus und flüchtete. Nur eine starke Gruppe Beherzter hielt noch aus. Da schlug die vierte Granate mitten in den Trichter und tötete die ganze Besatzung von 10 Mann. Sofort nahm die Sturmtruppe ihn in Besitz und beschoß die Mulden, die von hier aus einzusehen waren. Gegen 3 Uhr ging der Gegner auf der ganzen Linie, teils in Schützenketten, teils in Gruppen zurück und ließ über 100 Tote vor Ecoust-St. Mein. Leider hatte sich der Zug Becker völlig verschossen, so daß sich der Gegner unbehelligt zurückziehen konnte. Englische Krankenträgertrupps mit weißen Flaggen suchten das Gelände ab, bis sie unsern nachstoßenden Patrouillen auswichen.
Die 11. Komp. in Noreuil war morgens 5 Uhr 45 durch Alarmschüsse ihrer vorgescho-benen Posten aus der Ruhe gerissen worden. Der Posten auf dem Feldweg nach Morchies sah in der Dunkelheit, wie eine geschlossene Abteilung gegen den Dorfein-gang von Lagnicourt her vorging, schoß Alarm und zog sich auf seine Feldwache am Dorfrand zurück. Ein Unteroffizierposten an der Straße nach Vaulx-Vraucourt war schon war schon von Süden umgangen, kam aber ebenfalls noch rechtzeitig mit beiden Maschinengewehren zur Feldwache. Durch Infanterie- und Maschinengewehrfeuer wurde der Gegner zunächst zum Stehen, dann zum Weichen gebracht. Eine feindliche Kompagnie, die in der Mulde zwischen Ecoust-St. Mein und Noreuil vorging, geriet in das Sperrfeuer der Batterien und ging unter schweren Verlusten in das Wäldchen südwestlich von Noreuil zurück. Auch der Unteroffizierposten an der Straß nach Vaulx wurde vom Gegner aufgegeben. Zwei Engländer, die sich zu weit vorgewagt hatten, wurden gefangen. Die Gefechtspause wurde zur Auffrischung der Munition und zur Verpflegung benützt und ein Zug der 9. Komp., die in Riencourt lag, kam als Verstär-kung an. Um 10 Uhr kam der zweite stärkere Angriff, der aber im Feuer der Artillerie nach Vaulx zurückflutete. Ein Teil gelangte wieder bis an den Unteroffizierposten, in dem sich nun ungefähr 150 Australier festsetzten. Als die Lage geklärt war, entschloß sich der Führer der 11. Komp., Leutnant d. Res. Löckle, den aufgegebenen Posten wieder zu nehmen. Um 2 Uhr sollte die Artillerie drei Minuten Wirkungsfeuer abgeben, worauf eine starke Patrouille ihn stürmen wollte. Inzwischen beschoß aber die 5. Batterie des Res.-Feldart.-Reg. 26 den Posten so erfolgreich, daß ungefähr 120 Austra-lier mit vielen Lewisgewehren flüchteten. Um 2 Uhr setzte die Artillerie schlagartig ein. Feldwebelleutnant Wolf und Vizefeldwebel Maier gingen mit 20 Mann der 11. Komp. und Unteroffizier Schrödel mit 8 Mann der 9. Komp. schneidig vor. Die Australier wurden überrascht. Ein Posten machte sein Lewisgewehr schußfertig. Der „Patrouillen-maier“ ersah die Gefahr. Blitzschnell warf er eine Handgranate, die den Posten schwer verwundete. Verwirrt hoben die anderen die Hände in die Höhe und ergaben sich. Mit 25 Unverwundeten, 6 Verwundeten und 3 Lewisgewehren zogen die Stürmer ab. 2 Uhr 15 nachmittags konnte sich die 11. Komp. im Besitz ihrer ganzen Stellung melden. Auch sie zählte über 100 tote Engländer vor ihrer Front, ohne einen Mann verloren zu haben. Mit vier Bataillonen hatten die Australier angegriffen aber das Fehlen ihrer Artillerie rächte sich bitter.
Diese Erkenntnis kam auch dem Gegner und er griff zunächst nicht mehr an. Nur Patrouillen versuchten nachts Überfälle auf die Posten, wurden aber leicht abgewiesen. Vor Ecoust-St. Mein schlichen sich zwei australische Pioniere an, um den Zustand der Straßen und die Zerstörung in der Gegend Vaulx und Ecoust festzustellen, wurden aber von Posten der 12. Komp. überlistet und gefangen. Überall begann sich der Gegner nun einzugraben und schon eröffneten seine Batterien wirksames Feuer auf Noreuil, während Ecoust nur gelegentlich mit Streufeuer bedacht wurde. Die Besatzung von Noreuil fing an, unter Wassermangel zu leiden. In der Aufregung des Gefechtes am 20. März hatte ein Pionier, der den Auftrag hatte, den einzigen Brunnen zu zerstören, den Kopf verloren und das Wasser untrinkbar gemacht, so daß es nun von rückwärts herbeigeführt werden mußte. Unterdessen drängte der Gegner die Vorposten der 2. Garde-Res.-Division im Süden zurück und griff die nördlich St. Mein stehende 220. Inf.-Division wiederholt an. Vor der 26. Res.-Division aber baute er sich zunächst in nicht eingesehenen Mulden ein, um sich der Wirkung unserer Batterien, die ihn schon einige Mal aus neuen Gräben herausgeschossen hatten, zu entziehen. Ein Unternehmen der 9. und 11. Komp. auf das Wäldchen südwestlich Noreuil mißglückte und brachte Verluste. Und nun steigerte sich das feindliche Artilleriefeuer von Tag zu Tag und zog auch Ecoust immer stärker in seinen Bereich.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1922

 aus: „Die 26. (Württembergische) Reserve-Division im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1939

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