Freitag, 19. Mai 2017

19. Mai 1917


„Am 19. Mai war es. Wir lösten damals alle 4 Tage ab, Offiziere und Mannschaften, da man es länger bei dem dauernden eigenen und feindlichen Feuer ohne Schlaf nicht aushielt. Der gerade in Ruhe befindliche Batterieführer Leutnant Bosler wurde eben vom Regiment angerufen, er möge selbst nach der Feuerstellung sehen, da sich dort ein Unglücksfall ereignet habe. Ich ging gleich mit.
In der Feuerstellung fanden wir alles beschäftigt, den Unterstand des 2. Geschützes, dessen Eingang ein Volltreffer zugedrückt hatte, freizulegen. Wir erfuhren, daß gegen Mittag schwere feindliche Artillerie mit Fesselballonbeobachtung sich gegen die Batterie eingeschossen habe und sofort Wirkungsfeuer folgen ließ, das die ganze Batterie zudeckte. Diesen Zauber hatten wir hier schon öfters erlebt.
Da die Stellung erst wenig ausgebaut war, – sie hatte nur Laufgräben hinter den Geschützen und Stolleneingänge von etwa 16 Stufen – hatten wir uns bisher vor empfindlichen Verlusten dadurch geschützt, daß wir, solange kein Feuerbefehl vorlag, auf ein Pfeifensignal hin rechts oder links auswichen.
Ob nun das 2. Geschütz dieses Signal nicht gehört oder es vorgezogen hatte, die sicher scheinende Stollentreppe nicht zu verlassen, jedenfalls fehlten die Kanoniere Weber, Flaig, Fahrer Schellenberg, sowie Waffenmeister Dangelmayer und sein Gehilfe Bauer, die gerade in der Stellung zu tun gehabt hatten.
Während die Geschützbedienung von der Seite aus zusah, wie ein Schuß nach dem andern – auf 28 Zentimeter-Kaliber geschätzt – in die Stellung kam, tauchten aus derselben die Kanoniere Weber und Flaig auf. Mit Kreidestaub überzogen, blutig geschunden, sahen sie eher wandelnden Leichen gleich. Sie gaben an, daß sie im Stolleneingang des 2. Geschützes verschüttet gewesen seien; sie hatten sich mit den Händen einen Durchgang nach oben gegraben und dabei immer wieder leises Stöhnen aus der Tiefe gehört.
Da zur selben Zeit auch das feindliche Geschützfeuer nachließ, so wurde sofort mit vereinten Kräften die Ausgrabung des zugeschütteten Stollens in Angriff genommen.
Nach anderthalb Stunden mühsamer Arbeit, die, als man tiefer gelangte, nur noch von wenigen sich gegenseitig Ablösenden mit der größten Vorsicht verrichtet werden konnte, war es endlich gelungen, ein kleines Loch, gerade groß genug, um einen Mann hindurch zu lassen, in den unteren Stollenraum hinein durchzubrechen. Vorher war immer wieder leises Stöhnen aus der Tiefe zu vernehmen, nun war es möglich, mit dem Fahrer Spellenberg sich in Verbindung zu setzen, allerdings ohne den Eingeklemmten sofort zutage fördern zu können. Unteroffizier Heuß ließ sich, an den Füßen angeseilt, in das durchgeschlagene Loch hinunterhängen und brachte auf diesem Wege dem von Durst gequälten Spellenberg die ersehnte Feldflasche. Spellenberg erzählte dem Heuß, daß er unter sich noch lange Stöhnen vernommen habe, doch jetzt sei es seit etwa einer halben Stunde ganz ruhig geworden.
Mit fieberhafter Eile wurde nun weitergegraben, besonders auch deshalb, weil ein neuer Feind in Gestalt von immer mehr sich zusammenballenden Gewitterwolken sich zeigte. Schon fielen auch die ersten Tropfen, und es war noch immer nicht gelungen, den frisch ausgeworfenen Schacht so zu verbreitern, daß wenigstens dem noch lebenden Spellenberg aus seiner Lage hätte geholfen werden können. Der Regen wurde immer stärker und ergoß sich schließlich wolkenbruchartig, die frisch ausgeworfene Erde ins Wandern bringend: Das Werk zweier mühsamer Stunden wurde in wenigen Minuten vernichtet, die zwei im Schacht angeseilt Arbeitenden mußten sofort heraufgezogen werden, um nicht unter den zusammenbrechenden Erdmassen ebenfalls verschüttet zu werden. So plötzlich das Gewitter gekommen war, so rasch hatte es sich auch wieder verzogen, doch die drei verschütteten Kameraden konnten am selben Abend nur noch als Leichen geborgen werden.


aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 54 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

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