Dienstag, 23. Mai 2017

23. Mai 1917


„Das Regiment war am westlichen Ufer des oberen Stochod auf dem rechten Flügel der Division eingesetzt. Vom Wald südöstlich Kisielin zog sich die Stellung in 5 Kilometer Luftlinie und etwa 7 Kilometer Grabenlinie nordwärts bis an den Podblociebach, geteilt in die Unterabschnitte A Nord und A Süd, die bald die heimatliche Benennung Aalen-Nord und -Süd erhielten und in sieben Kompagnieabschnitte zerfielen. Der Bataillonsgefechtsstand von Aalen-Süd lag im Kloster Kisielin, von Aalen Nord im „Bataillonswädchen“ der Regimentsgefechtsstand zunächst in Twerdyn. Rechts lag ein Jägerbataillon der Nachbardivision, links im Abschnitt „Bruchsal“ Landwehr-Inf.-Reg. 121, weiter links im Abschnitt „Cannstatt“ Landwehr-Inf.-Reg. 126. Hier am oberen Stochod war im Sommer 1916 Brussilows Massenangriff durch General v. Linsingens Gegenstoß zum Stehen gekommen. Überall erinnerten alte Schützenlöcher an die schweren Kämpfe. Allerorten las man an den mit hellschimmerndem Birkenreis Einzel- und Massengräbern die Namen der ruhenden Helden vom X. Armeekorps. Mancher Kompagnieabschnitt hatte seinen Soldatenfriedhof. Das schlichte Holzkreuz zierte ein verwitterter Helm mit preußischem Adler. Auch den namenlosen Gegner hatte der deutsche Sieger geehrt. „Hier liegt ein tapferer Russe“ las man auf dem russischen Kreuz mit dem doppelten Querbalken.
Die russische Stellung lag 800 – 1000 Meter entfernt auf dem höher gelegenen Ostufer des Stochod. Nur gegenüber dem rechten und linken Flügels des Regimentsabschnittes hatten die Russen zwei Feldwachen auf 600 – 400 Meter Entfernung über den Fluß vorgeschoben. Die Stellung des Regiments lag in ebenem Wald- und Sumpfgelände. In der ersten Verteidigungslinie machte fast überall der sumpfige Untergrund es unmöglich, tiefere Gräben auszuheben; mit Rasenstücken, Balken und Erde mußte vielmehr aufgesetzt werden. Brust- Schulter- und auch Rückenwehren waren fast durchweg zu steil und gegen Artilleriefeuer zu schwach und nieder, die Gräben waren zu eng. I der zweiten und dritten Linie waren nur zum Teil Gräben vorhanden, zum Teil waren sie trassiert und im Stangengerippe bezeichnet. Die Hindernisse waren durchlaufend aus Stacheldraht, jedoch streckenweise in Sumpf versunken. Die Unterstände waren als Blockhütten aus  Baumstämmen, frei oder in den Boden gelassen, gebaut und kaum als splittersicher anzusprechen.
Zwischen A 1 und 2 war auf 700 Meter freies, halbsumpfiges Gelände; die Jägerinsel, besetzt mit einigen Gruppen und M.-G., sperrte diese Lücke. Hinter ihr vermittelte ein schmaler Laufsteg den von feindlichen Baumschützen beobachteten Verkehr. Eine Blende verdeckte den Einblick. Im ganzen Abschnitt war der Boden derart mit Wasser vollgesogen, daß viele Kilometer lang Holzroste und Laufstege gelegt waren, damit man sich in dunklen Nächten zurechtfinden konnte. Zum verteidigungsfähigen Ausbau der Stellung wurden vor allem die Hindernisse ausgebessert, die Brustwehr verstärkt, desgleichen die Unterstände und die Verbindungs- und Annäherungswege instand gesetzt. In Aalen-Süd waren drei Kompagnien mit je zwei Zügen in vorderster Linie eingesetzt, eine Kompagnie befand sich als Reserve in Kisielin in einem schußsicheren Keller, ferner waren 4 leichte Minenwerfer, 8 Granatwerfer und 1 Grabengeschütz eingesetzt. In Aalen-Nord waren vier Kompagnien mit je zwei Zügen in vorderer Linie. Als Bataillonsreserve waren sechs Gruppen herausgezogen und der Pionierzug Schuler; 10 M.-G. waren im Abschnitt, 3 als Bataillonsreserve in der Brennerei aufgestellt, außerdem im Abschnitt  4 leichte Minenwerfer, 16 Granatwerfer.
Bei dem russischen Gegner herrschte seit der Absetzung des Zaren halbe Waffenruhe. Wir hatten Befehl, zurückhaltend zu sein und nur bei lohnenden Zielen zu schießen und als Vergeltung Kampfhandlungen und Unternehmungen zu machen. Die russische Infanterie war des Krieges satt; bei Nacht war sie ängstlich auf der Hut, nicht überrascht zu werden. Aus Furcht hiervor schossen die Russen nachts blindlings drauflos; eine Leuchtkugel, eine Patrone, eine Handgranate folgte der anderen.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922


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