Samstag, 20. Mai 2017

20. Mai 1917


„In der Nacht vom 14.–15. Mai löste das I. Batl. (Kommandeur Major Wintterlin) das III./173 an der „Fleckstraße“ und in der „Kiesgrube“ südöstlich Nauroy ab und rückte in der nächsten Nacht, abgelöst durch unser II. Batl. vor auf den Cornilletberg zur Ablösung des II./173. In der folgenden Nacht vom 16.–17. Mai wurde das II. Batl. (Kommandeur Hauptmann Graf von Rambaldi) an der Fleckstraße und Kiesgrube durch das III. Batl. (Kommandeur Hauptmann Winter) abgelöst und rückte ebenfalls vor auf den Cornilletberg zur Ablösung des I./173. Die Bataillone rückten kompagnieweise vor, das Gelände lag während der Nächte unter starkem Feuer, die Ablösung war erst bei Tagesanbruch vollzogen, sie hatte trotz des feindlichen Feuers nicht viel Verluste gekostet, weil viele Granaten tief in den durch Regen aufgeweichten Boden eindrangen.
Der Regimentskommandeur, Major Diez, traf am 17. Mai, 8 Uhr vormittags, auf dem Regimentsgefechtsstand in der Kiesgrube ein und übernahm das Kommando über den Abschnitt, der mit Xb bezeichnet war. Als Regimentsreserve lagen an der Kiesgrube die 10. Komp. (Oberleutnant d. R. Huber) und die 8. Komp. (Leutnant d. R. Heinzelmann).
Schon vor 1 Uhr früh des 15. Mai ab war stündlich mit einem feindlichen Angriff zu rechnen und das ganze Regiment in erhöhter Bereitschaft gewesen. Am 17. Mai mit Tagesanbruch war also das ganze Regiment in die Stellung eingesetzt; in vorderster Linie lagen 4 Kompagnien, rechts das II., links das I. Batl. Von einer eigentlichen Stellung konnte nicht die Rede sein, es war Granattrichter an Granattrichter, die ab und zu miteinander verbunden waren. Eine normale Besetzung war nicht möglich. Tagsüber lagen auf der Berghöhe von jeder Kompagnie nur ein Offizier und drei Gruppen in den Granatlöchern, der Rest lag in einem nahen Tunnel am halben Nordhang des Berges. Hauptmann d. R. Deuschle, der Führer der 6. Komp., bezeichnet die sogenannte „Stellung“ als ein immer und immer wieder umgewühltes Trichterfeld, das auch nirgends gegen die kleinstkalibrige Granate Deckung bot. Er sagt: „Die Stellung war nicht sehr lang, aber äußerst unangenehm mit mehreren vorspringenden Ecken, die vom Gegner flankiert wurden. Die Franzosen, kräftige Kolonialtruppen, lagen uns auf dem rechten Flügel etwa 100 Meter, in der Mitte etwa 50 Meter, auf dem linken Flügel etwa 25 Meter gegenüber.“
Der Tunnel war ein altes Kreidebergwerk der Franzosen und bestand aus drei Stollen, die bis 17 Meter Deckung über sich hatten. Die lange Dauer des Stellungskrieges hatte das Beziehen, ja den Neubau solcher Anlagen, die man als „Stollenkasernenׅ“ bezeichnete, begünstigt. Die Führer hatten dort ihre Gruppen und Züge, in Kasernen sogar ihre Kompagnien beieinander und fest in der Hand. Die starken Deckungen schienen jeder feindlichen Beschießung zu trotzen.
Gewiß boten diese tiefen Bergwerke und Stollen eine gute und zweckmäßige Unterkunft in ruhigen Zeiten und wenn der Feind nur mittleres und leichtes Kaliber auf sie legte. Viele haben auch schweren und schwersten Kalibern getrotzt. Aber sie hatten auch ihre Gefahren; diese lagen in den Eingängen und den notwendigen Luftschächten, die man als ihre Lebensadern bezeichnen muß. Wurde ein Luftschacht von einer schweren Granate getroffen, die Eingänge verschüttet oder mit Gas belegt, dann war das Schicksal der Tunnelbesatzung sehr gefährdet und mancher Tunnel ist ein Grab für viele geworden. Auch der Cornillet.
Das Tunnelsystem war etwa nach nachstehender Skizze angelegt. Der  Gang B (etwa 120 Meter) war 20 Meter länger als die beiden Seitengänge A und C (100 Meter). Luftzufuhr erhielt der Tunnel durch die beiden Schächte und durch eine aus Rohren gebaute Ventilationsanlage. Die Deckung am Mittelschacht betrug einwandfrei gemessen 17 Meter, am Eingang B etwa 10 Meter. Die Gänge waren etwa 2 Meter breit und 2 Meter hoch. Ein Lebensmitteldepot war bei Übernahme durch das Regiment noch reichlich ausgestattet, dagegen fehlte es vollständig an Getränken. Das vorhergehende Regiment hatte den eisernen Bestand verbraucht und nicht wieder aufgefüllt. Auch die Beleuchtungsfrage erwies sich als sehr schwierig, da die Luft natürlich nur wenig Sauerstoff enthielt. Der Eingang C war beim letzten Großangriff der Franzosen eingeschossen worden und noch nicht ganz wiederhergestellt, einige 20 Leichen (kohlenoxydvergiftet) lagen noch in diesem Gang. Die Eingänge A und B waren gut, die Deckung aber durch die dauernde schwere Beschießung schon recht mitgenommen. An den Eingängen war ein furchtbarer Schmutz, da die Tunnelbesatzung gezwungen war, hier ihre Bedürfnisse zu verrichten.
Ein im Juli 1917 in unseren Besitz gelangter französischer Bericht beschreibt den Cornillet folgendermaßen: „Drohend liegt unserer Stellung gegenüber der Hügel Cornillet, in dem die Deutschen unter dem Namen „Der Tunnel von Cornillet“ eine bekannte und gefürchtete Stellung eingebaut haben. Der Berg gleicht einem riesenhaften Lindwurm, träge dahingestreckt, doch jede Minute bereit, sich aufzurecken in fürchterlichem Zorn, um Feuer, Tod und Verderben denen entgegen zu schleudern, die es wagen würden, ihm zu nahe zu kommen. Unnahbar, uneinnehmbar scheint die tief eingebaute Stellung, geschützt und gedeckt durch die haushoch übereinander lagernden Kreideschichten, die den Hügel bilden. Im Innern des Hügels fließ das Leben durch drei breite, geräumige Hauptadern mit vielen Stollen und Gängen. Durch geschickt eingebaute Luftschächte tritt die Außenluft in diese unterirdische Welt. So lag er vor uns am 17. Mai, unsere Führer kannten seine Stärke, sie wußten, wie gefährlich und todbringend in der Schlacht diese Stellung für unsere angreifenden Truppen war. Das Ungeheuer mußte um jeden Preis unschädlich gemacht werden.“
Ein später aufgefangener französischer Funkspruch aus Lyon sagt: „Der Cornillet beherrscht in der Champagne die Ebene zwischen der Befestigung von Moronvillers und den Höhen von Berru. Er stellte hinsichtlich der Verteidigung eine Befestigung ersten Ranges dar.“ In diesem Tunnel also befanden sich die zwei Bataillons-kommandeure, Major Wintterlin, welcher Kommandant des Cornilletberges war, und Hauptmann Graf von Rambaldi, und diejenigen Teile der Kompagnien, die nicht in den Trichtern lagen. Hauptmann d. L. Deuschle, der am 17. Mai mit Tagesanbruch mit seiner 6. Komp. den Tunnel bezog, sagt: „Offiziere und Mannschaften lagen längs der Stollenwände. Im Tunnel befanden sich der Bataillonsgefechtsstand für zwei Bataillons-stäbe, daneben ein Luft- und Lichtschacht, ein Sanitätsraum, ein Munitionsdepot, ein Lebensmitteldepot, ein Unterstandsraum für Hauptmann Süß und mich und zwei Funkerstationen. Ein weiterer Luft- und Lichtschacht, der zugleich Artillerie-Beobach-tungsposten war, befand sich in Stollen 3. Im Tunnel mußten wir zuerst großes Misten ansetzen, denn alle Gänge lagen voll Schutt, alten Waffen, Lumpen. Von Läusen und Flöhen wimmelte es.“
Die Kompagnien waren beim I. und II. Batl. mit 90 Mann in die Stellung gerückt, gemäß Regimentsbefehl; sie wurden aber am ersten Abend schon auf 60 Mann herabgesetzt auf Anregen des Majors Wintterlin, weil er mit Beziehen des Tunnels die Gefahr dieser Kaserne sofort erkannt hatte und weil er die Aufstellung starker Reserven außerhalb des Gefechtsbereichs für dringend geboten hielt.
Aber brauchbare Gräben 1. und 2. Linie zur Verteidigung und Unterbringung gab es nicht, bei der augenblicklichen Lage konnten solche nicht geschaffen werden. Der Feind hätte jederzeit mit Hilfe seiner überlegenen Flieger solche Versuche durch seine schwere Artillerie im Keime erstickt, so war die ganze Stellungsbesatzung mit Ausnahme der schwachen Kräfte in den Granattrichtern, da andere Unterkunftsmöglichkeiten für die Reserven nicht vorhanden waren, zur Unterkunft auf den Tunnel angewiesen. Und von dem Schicksal des Tunnels hing auch das Schicksal der Stellung, der Besatzung ab.
Major Wintterlin und der Tunnelkommandant, Hauptmann Süß, Führer der 2. Komp., waren sich wohl bewußt, daß der Zustrom von frischer Luft durch die zwei Schächte und das Offenhalten der drei Tunneleingänge das Allerwichtigste war für das Leben der Besatzung. Sie haben angeordnet, daß die 3 Luftventilatoren, mit denen die stickige Luft aus der Tiefe nach oben und frische Luft von oben nach unten gepumpt wurde, ununterbrochen zu arbeiten hatten. Es wurde eine ständige Kommission unter Leitung der Ingenieuroffiziere Oberleutnant d. R. Frick und Leutnant d. R. Mayer eingesetzt, die ununterbrochen den Tunnel abzugehen und auf seinen Zustand zu prüfen hatten. Hauptmann Süß hatte veranlaßt, daß, wenn Feuer auf dem Stollen oder in seiner Nähe lag, durch auf dem Boden aufgestellte Kerzen das Eindringen von Kohlenoxydgas festgestellt werden sollte, daß dann die Wettertüren so weit als möglich geschlossen werden sollten. Diese Türen waren beim Beziehen des Tunnels noch nicht vorhanden, sind aber sofort in Arbeit genommen worden und mußten inzwischen durch Abdäm-mungen ersetzt werden. Das Kohlenoxydgas ist geruchlos und daher viel gefährlicher als das Kampfgas, dessen süßlichen Geruch jeder sofort riecht, worauf er seinen unzertrennlichen Begleiter, die Gasmaske, aufzusetzen hat. Ständige Gasposten standen an den drei Eingängen, sie hatten mit dem ersten Bemerken von Kampfgas die nassen Falltücher herunter zu lassen. Ein Rettungstrupp in Stärke von 1 Offizier, 2 Unteroffi-zieren und 20 Mann war ständig alarmbereit. Diese Leute durften zu keinem anderen Dienst herangezogen werden. Jede unnötige Bewegung im Tunnel hatte zu unterbleiben.
Die Besatzung im Tunnel hat alle diese Anordnungen befolgt; sie fand sich bald in der Kaserne zurecht und mit den Verhältnissen ab.
Eine schwere Aufgabe fiel den Trägertrupps zu, d. h. denjenigen Abteilungen, die der Besatzung des Berges Wasser, Verpflegung und Munition vorzubringen hatten. Das Regiment hat mit der Leitung des Nachschubs den Leutnant d. R. Lempp beauftragt und von jeder Kompagnie 1 Offizier und 60 Mann als Trägertrupp ausgeschieden, weil die außerordentlich schwierigen Verhältnisse eine solche Stärke forderten.
Die große Bagage lag in St. Loup (25 Kilometer nördlich des Berges), die Gefechts-bagage in Heutrégiville-Vendétré (etwa 12 Kilometer vom Berg). Die Verpflegungs-offiziere der Bataillone holten Mineralwasser in Tagnon und Juniville, die Ergänzungen der eisernen Portionen in Le Chatelet. Die Trägertrupps lagen im Kaiserlager nördlich Selles im Suippestal 15 Kilometer vom Berge. Eine nähere Unterbringung war wegen der dauernden Beschießung des Hintergeländes nicht möglich. Die Feldküchen fuhren bis zum sogenannten Rheinlager. Von hier waren es noch etwa 6 Kilometer bis zur Stellung. Aber was für Kilometer! Schon bis zur Kiesgrube hatten die infolge ihrer Traglasten ziemlich unbeholfenen Träger – je 2 Mann trugen einen Kessel mit 25 Litern, andere in Zeltbahnen Brot, Konserven, Mineralwasser, Munition und Minen für unsere leichten Minenwerfer – einige Verluste. In der Kiesgrube, die um die Dämmerung ein beliebtes Ziel der feindlichen Artillerie war, wurde eine Ruhe- und Sammelpause für das letzte und schwerste Stück gemacht. Die Strecke von der Kiesgrube bis zum Tunnel-eingang lag unter dauerndem Sperrfeuer des Gegners, vor dem Tunneleingang selbst verstärkte es sich während der Nacht und hie und da auch am Tage zu einem fast undurchdringlichen Feuerriegel, durch den man hindurch mußte, wollte man in den Tunnel. das Regiment hatte in den Nächten vom 16. / 20. regelmäßig je 20 – 25 Mann Verluste an toten und verwundeten Trägern, die meistens am Regimentsverbandplatz Kiesgrube vom Regimentsarzt, Stabsarzt Dr. Schefold, verbunden wurden, der während dieser Nächte keine Stunde zur Ruhe kam. Daß das Vorführen der Träger in diesem Feuer nur besonders energischen Offizieren gelang, dürfte ohne weiteres klar sein; zwei Drittel der vortragenden Leute kamen nicht an, da teils die Träger verwundet waren oder fielen, teils die Lasten beim Ausweichen vor dem feindlichen Feuer weggeworfen wurden. Aus allen diesen Gründen war ein reiches Bemessen der Trägertrupps, die auch nicht jeden Tag den 30 Kilometer langen anstrengenden Hin- und Rückmarsch leisten konnten, durchaus begründet. Das Reservebataillon (das III. an der Fleckstraße) wurde zum Trägerdienst ebenfalls herangezogen, doch war es mit dem Ausbau der eigenen Unterkunft so sehr in Anspruch genommen, daß eine wesentliche Entlastung der Träger-trupps nicht erfolgen konnte.
Am zweiten Tag bekamen wir für die Träger russische Beutepferde, sogenannte Panjes, mit Tragsätteln. Es waren schöne, lebhafte, ausdauernde und äußerst genügsame Tiere, sie haben auch im Fernfeuer ruhig und zuverlässig ausgehalten, man konnte sie wenigstens bis zum Rheinlager gebrauchen, aber weiter vor gingen sie nicht. Die Lösung der Aufgabe der Trägertrupps bedurfte der Aufbietung der Energie aller mit dem Nachschub beschäftigten Offiziere, vornehmlich der Verpflegungsoffiziere. Dabei hat mancher tapfere Mann sein Leben gelassen.
Die Tunnel- und Bergbesatzung litt in diesen Tagen sehr stark unter den ungünstigen Verpflegungsverhältnissen. Das Essen kam, wenn überhaupt, sehr spät in beinahe ungenießbarem Zustand und ungenügender Menge vor. Die Bergbesatzung war beson-ders übel daran, da bei Tage sich niemand auf dem vorderen Bergrücken sehen lassen konnte und nachts ein Auffinden der Verteidigungsnester infolge des sich durch die dauernde Beschießung stets ändernden Charakters des Kreidetrichtermeers so schwierig war, daß die von orientierten Offizieren geführte Ablösung meist erst nach stunden-langem Herumirren ihre Stellung fand. Noch schwieriger war es mit dem Trinkbaren. Vom Vorregiment war ja der ganze eiserne Bestand an Getränken verbraucht worden. Man mußte also nicht nur den täglichen Bedarf an Getränken, der bei der muffigen Tunnelluft ein sehr großer war, nach vorne bringen, sondern auch den eisernen Bestand wieder auffüllen. Es ist unter großen Verlusten an Trägern gelungen, von einigen 1000 Flaschen Selterswasser einige hundert in den Tunnel zu schaffen.
Alle Mühe wurde aber reichlich belohnt durch die dankbare Freude der Kameraden im Berg. Waren die Trägertrupps im Tunnel angekommen, so mußten sie ohne lange an den Eingängen sich aufzuhalten, auf dem kürzesten Weg zu den Kompagnien in den Tunnel hinabsteigen, die zu diesem Zwecke Führer in der Nähe der Eingänge bereitstellten. Jedes Geschrei, jede Unruhe war zu vermeiden.
Hier sei auch des Einsatzes unserer Minenwerfer gedacht. Die Lage, die Leutnant d. R. Kalbfell als Stellungserkunder am Cornilletberg antraf, war eine denkbar trübe. Unsere Vorgänger hatten in der Nähe der Tunneleingänge 6 leichte Minenwerfer in Stellung gebracht, aber sie waren, als wir ankamen, in Grund und Boden geschossen. Wir haben dann 5 Minenwerfer in Tätigkeit gebracht, deren Munition unter unendlicher Mühe während der Nächte vorgebracht werden mußte. Mit dem I. Batl. wurden auch sine Minenwerferabteilungen unter Führer von Leutnant d. R. Diemer im Tunnel unter-gebracht. Die beiden andern Minenwerferabteilungen waren in Reserve und mußten Verpflegung und Munition ihren Kameraden vorbringen. Die Aufgabe wurde restlos gelöst. Major Wintterlin hat den Minenwerfern nach kurzem Einschießen weitere Tätigkeit untersagt, er glaubte, daß bei ruhigem Verhalten auf unserer Seite das schwere feindliche Feuer nachlassen würde. Diese Annahme erwies sich als irrtümlich, der Gegner bereitete einen großen neuen Schlag vor und ließ, als er losschlug, unsere Minenwerfer nicht mehr zu Wort kommen, da der Gipfel des Berges mit rasendem Feuer überschüttet wurde. Alle Minenwerfer wurden verschüttet, Leutnant d. R. Diemer wurde gaskrank. Sein Meldegänger, der Musketier Diemer der Minenwerferabteilung des I. Batl., sei hier besonders erwähnt, er hat, obwohl stark unter den giftigen Gasen leidend, Meldungen über den Stand der Dinge vorne, von Hauptmann Süß, in schwerster Lage zum Regimentsstab gebracht.
Der ganze Cornilletberg lag unter fortgesetztem starkem Feuer des Gegners. Von den Waldungen sah man nichts mehr. Alles war eine Wüste im weißen Boden der Champagne. Der Berg beherrschte die ganze Gegend vom Berrublock bis zur Befestigung von Moronvillers und gestattete einen Einblick nach vorwärts und rückwärts weit hinein. Sein Besitz erschien den Franzosen so wertvoll wie uns, 2 feindliche Angriffe an 17. und 30. April waren vergeblich gewesen. Nachdem wir einige kleinere, aber recht kräftige feindliche Erkundungsvorstöße abgeschlagen hatten, belegte der Feind die Tunneleingänge und die Kiesgrube mit zunehmendem Feuer. Die Lage wurde täglich ernster, stündlich mußte mit dem Großangriff gerechnet werden.
Dabei schien der höheren Führung die Stärke der Besatzung des Berges zu schwach.  Aber ihre Verstärkung wäre bei dem Mangel brauchbarer Gräben und Unterstände in der vorderen Linie dem feindlichen Vernichtungsfeuer preisgegeben gewesen und wäre für ihre Aufgabe ausgefallen. Wohl hätte der Tunnel Raum geboten, aber solange nicht mehr als drei Ausgänge vorhanden waren, aus denen nach dem Aufstieg aus der Tiefe die Mannschaft rasch zum Gefecht eingesetzt werden konnte, war ihre Wirksamkeit in Frage gestellt und bei mehr Menschen die Gefahr für sie erhöht. Die Division ordnete daher an, daß drei Eingänge neu gebaut werden sollten, neue Stollen neben dem Tunnel zur Aufnahme abgesonderter Abteilungen und ein Verbindungsgraben nach hinten sollten gebaut werden. Aber der ganze Nordhang des Berges war vom feindlichen Artilleriefeuer derart durchpflügt und erschüttert, daß Grabarbeiten bis tief unter die Oberfläche keinen Halt gefunden hätten. Bevor etwas hier geschehen konnte, hatte der Feind angegriffen.
Es sei hier einiges über die Nachrichtenverbindungen innerhalb des Regiments und nach hinten gesagt:
Sie waren schlecht und ungünstig. Nach vorne zum Tunnel war man lediglich auf Meldegänger und Meldehunde angewiesen, eine Telephonverbindung war undurch-führbar. Eine Lichtverbindung ließ sich weder direkt noch indirekt herstellen; der Tunnelkommandant hatte eine Lichtverbindung mit der Divisionsblinkstelle „Mond“, sie hat sicher gearbeitet, bis sie am 20. Mai zertrümmert wurde, und einen Erdtelephon-apparat, der nie funktionierte, und Brieftauben. Sehr häufig erhielt das Regiment die Meldungen vom Tunnel über „Mond“, wohin vom Regimentsgefechtsstand Telephon-verbindung zeitweise aufrecht erhalten werden konnte. Zur Brigade ging eine Läuferkette, die durch starkbeschossene Schluchten laufen mußte und infolgedessen meistens einige Stunden brauchte.
Nachdem der Feind am 17. Mai das Gelände zwischen dem Berg und der Kiesgrube unter Störungsfeuer gehalten hatte und am Nachmittag die Fliegertätigkeit hüben und drüben lebhaft gewesen war, nahm das Feuer in der nächsten Nacht so zu, daß die Trägertrupps nur mit größten Schwierigkeiten verkehren konnten. Am 18. Mai mit Tagesanbruch erreichte das Feuer seinen Höhepunkt, schweres Kaliber lag auf dem Tunnel und der Kiesgrube. Das eigene Feuer hatte eine gute Wirkung; jedenfalls kam ein erwarteter feindlicher Angriff nicht zur Entwicklung. Die Tunnelbesatzung, das III. Batl. an der Fleckstraße und die 8. und 10. Komp. in der Kiesgrube waren alarmiert.  Das starke feindliche Feuer hielt den ganzen Tag an.; schwere Kaliber bis zu 28 Zentimeter und schwere Minen lagen auf dem Berg. Ein Blockhaus auf dem linken Flügel der Stellung des II. Batl. wurde zusammengeschossen. Tief flogen die feindlichen Flieger über unserer in Rauch und Staub gehüllten Stellung und lenkten die schweren feindlichen Geschosse auf die Tunneleingänge mit dem Erfolg, daß Eingang 2 und 3 teilweise verschüttet wurden. Der Feind wußte, daß sie die Lebensadern waren für die Besatzung. Nach mehrstündiger Arbeit gelang es uns, sie wieder frei zu machen. Unsere eigenen Kampfflieger vermochten den Franzosen nur wenig Abbruch zu tun, denn sie blieben auch in der Nacht zum 19. tätig. Es war wieder eine schlimme Nacht, wieder hatten die Trägertrupps starke Ausfälle. Gegen Morgen des 19. flaute das feindliche Feuer etwas ab, gewann aber am Nachmittag die Heftigkeit und Schwere von gestern wieder, die feindliche Fliegertätigkeit war wieder sehr rege. Und noch einmal hielt unsere Artillerie durch Vernichtungsfeuer einen feindlichen Angriff ab.



So hatten diese Tage und Nächte körperlich und seelisch große Anforderungen an das Regiment gestellt. In der Nacht zum 20. Mai nahm das Feuer eine außerordentliche Heftigkeit an. Schwerste Kaliber, Gasgranaten, Feuerüberfälle auf Berg und Hintergelände tobten, bis mit dem Morgen ein leichtes Abflauen zu erkennen war. Aber die Ruhe dieses schönen Sonntagmorgens war kurz und trügerisch.
Die Stimmung der Truppe war gut und zuversichtlich, Offizier und Mann teilten die Gefahren des Großkampfes in treuer Kameradschaft miteinander. Die Verbindung zwischen dem Berge und dem Regimentsgefechtsstand in der Kiesgrube blieb durch Läufer und Hunde erhalten. Pünktlich und pflichtgetreu brachten die tapferen Menschen und wackeren Hunde selbst im schwersten Artilleriefeuer ihre Meldungen. An diesem Vormittag ist der eine der beiden Hunde verwundet und gebrauchsunfähig geworden, der andere ist mit seiner letzten Meldung bis zum Stolleneingang gelaufen und dann wieder umgekehrt – sein Gegenführer war verschüttet. Was war geschehen?
Um 7.30 morgens begann die schwere Beschießung des Berges, die den ganzen Tag ununterbrochen anhielt, bis um 3.30 Uhr nachmittags der Feind zum Angriff antrat. Er brachte ihn in den Besitz des Cornillets, denn die schwache Besatzung in den Granattrichtern war aufgerieben, die Besatzung im Tunnel war durch Volltreffer und Kohlenoxydgas vernichtet.
Lassen wir wieder den französischen Bericht, der uns später in die Hände fiel, sprechen:
„Die französische Artillerievorbereitung verwüstete die ganzen feindlichen Verteidi-gung-einrichtungen. keine Maschinengewehrstellung konnte sich halten. Das auf den Tunnel gerichtete Feuer war von größter Heftigkeit. Hauptsächlich in der Nacht vom 19. / 20. Mai richteten die Franzosen eine große Anzahl Spezialgranaten gegen die Tunneleingänge. Die Deutschen waren größtenteils Opfer der Gasvergiftung. Eine schwere Granate drang, nachdem am 20. Mai früh die Beschießung des Tunnels mit schweren Granaten begonnen hatte, durch einen Kamin und verwüstete den Kreuzweg und das Zimmer, in dem sich 2 Bataillonskommandeure befanden. Ein Teil der Garnison war erstickt, die Eingänge zur Hälfte verstopft. Der Eingang war in Trümmern, die beiden andern waren überfüllt mit Leichen.  Die deutschen Reserven im Tunnel waren verloren, ehe sie eine Gegenhandlung unternehmen konnten; einige zusammengeraffte Abteilungen wurden zurückgeschlagen.“
Und doch hatte der tatkräftige und umsichtige Kommandant des Cornilletberges, Major Wintterlin, wie wir gesehen haben, alle menschenmöglichen Maßnahmen zur Sicherung und Rettung der Besatzung und gegen einen feindlichen Angriff getroffen.
Noch um 8 Uhr meldete er dem Regiment, der Verpflegungsnachschub gehe gut vor sich, aber er bitte dringend um Fliegerschutz zur Abwehr der feindlichen Flieger. Diese lenkten das feindliche Feuer mit so bewundernswerter Geschicklichkeit und Treffsicherheit auf die Tunneleingänge und die Lichtschächte, daß kurz nach 8 Uhr eine schwere Granate, 38 Zentimeter-Kaliber, unmittelbar neben dem ersten Lichtschacht den Tunnel durchschlug. Um 9 Uhr meldeten Verwundete und Gaskranke dem Regiments-kommandeur, daß eine zweite schwere Granate den anderen Lichtschacht durchschlagen und viele Mannschaften, auch Major Wintterlin und Hauptmann Graf von Rambaldi, verschüttet habe. Diese Offiziere waren nach dem ersten Einsturz mit ihren Kameraden, unter denen sich die Bergwerksingenieure befanden, an dem Eingang zur Quergalerie zu Stollen A versammelt. Gerade vor diesem Stollen erfolgte der zweite Einsturz, der sämtliche dort befindlichen Offiziere – etwa 15 an der Zahl – begrub. Man hat nie wieder von ihnen gehört.
Das Kommando im Tunnel übernahm Hauptmann Süß, der nicht bei Major Wintterlin gewesen war. Er ließ alsbald mit Aufräumungsarbeiten beginnen, die mit Hilfe von 60 Pionieren, die inzwischen im Tunnel eingetroffen waren, energisch betrieben wurden. er meldete um 10 Uhr und gegen Mittag, daß er die kopflose Mannschaft soweit möglich wieder in die Hand bekommen habe, und daß der Stollen C, in dem Kohlenoxydgas festgestellt war, abgedämmt sei. Immer noch schieße die französische Artillerie immer mit 2 Geschützen zugleich auf einzelne Punkte des Tunnels, Flieger geben durch Sturzflüge ihre Lage an, er bitte nochmals um Fliegerschutz.
Das Regiment hatte mit Beginn der schweren Beschießung für das III. Batl. an der Fleckstraße Gefechtsbereitschaft angeordnet und um 9.30 befohlen, daß die Regiments-reserve (nämlich die 8. Komp. unter Leutnant d. R. Heinzelmann und die 10. Komp. unter Oberleutnant d. R. Huber) sofort mit 2 Maschinengewehren nach dem Granatbusch (einem Gehölz am Nordosthang des Berges) vorrücken und sich zu einem Gegenangriff in Richtung Tunnel bereitstellen sollen, falls derselbe angegriffen wird, 8. Komp. rechts, 10. Komp. links, Führung Oberleutnant Huber. Dann hat das Regiment alles, was hinter der Front sich befand. vor auf das Gefechtsfeld gezogen, die Trägerkommandos, die drei noch in Selles befindlichen Maschinengewehre, nicht eingesetzte Minenwerfer, Infanteriepatronenwagen.
In Anbetracht der schweren Durchschläge in dem Tunnel und der Giftgase darin befahl das Regiment um Mittag, daß die Infanterie aus dem Tunnel herauszuziehen und in die Trichter und in dem Westriegel (einem vom Cornillet in nordwestlicher Richtung nach dem Habichtswald sich hinziehenden Graben) zu verteilen sei – unter dem freien Himmel im Feuer liegen erschien immer noch leichter zu tragen als der Aufenthalt in der Hölle des Tunnels; nur die an den Rettungsarbeiten Beschäftigten sollten im Tunnel bleiben. Dort nahm sich Oberarzt Dr. Nagel der Verwundeten und Verschütteten mit allen Kräften an. Gegen 3 Uhr meldete Hauptmann Süß, das das Gas, namentlich das Kohlenoxydgas zunehme, er bitte wiederholt um Fliegerschutz und um einen Offizier des Regimentsstabes. Der Kommandeur entsandte den Hauptmann d. L. Wild, Führer der 12. Komp., nach dem Tunnel, die Kompagnie sollte mit Einbruch der Dämmerung folgen. Aber Hauptmann Wild wurde unterwegs verwundet, er kam nicht mehr vor, dagegen der Regimentsarzt, Stabsarzt Dr. Schefold. Gegen 5 Uhr meldete Hauptmann Süß aus dem Tunnel durch einen Meldehund, daß alle drei Eingänge verschüttet, die Lage gefahrdrohend sei. Der Befehl des Regiments, den Tunnel zu räumen und die Nachricht, daß die 12. Komp. im Anmarsch sei, hat Hauptmann Süß nicht mehr erreicht. Wie oben erwähnt, konnte der letzte Meldehund nicht mehr durch den Tunneleingang eindringen; von Hauptmann Süß und dem Rest der Besatzung hat man nichts mehr gehört oder gesehen.
Etwa um 5 Uhr hatte sich der Regimentskommandeur mit seinem Stabe an die Fleckstraße begeben und dem Kommandeur des III. Batl., Hauptmann Winter, befohlen, mit der 11. und 12. Komp. und allen noch verfügbaren Maschinengewehren zum Gegenstoß anzutreten, zum mindesten einen Vorstoß des Feindes zu verhindern. Der M. G. O., Hauptmann Leicht, wollte persönlich zwei Maschinengewehre in Stellung bringen, er wurde verwundet und ist nach wenigen Tagen gestorben. Um diese Zeit ging die Meldung von Oberleutnant Huber (10. Komp.) ein, daß der Feind den Cornillet in Kolonnen überschreite. Man hörte Infanterie- und Maschinengewehrfeuer aus Richtung halblinks vorwärts, es rührte von der 8. und 10. Komp. her, die zum Gegenstoß angetreten waren. Der Regimentskommandeur befahl persönlich den an der Fleckstraße sich sammelnden Trupps Versprengter: „Alles Front Galgenberg! Richtung Cornillet antreten! Marsch!“ und sandte den Ordonnanzoffizier, Leutnant Boelsen, zur Brigade, um sie über die Lage aufzuklären und zu melden, daß der Gefechtswert des Regiments stark gelitten habe und mit der Tunnelbesatzung nicht mehr zu rechnen sei. Daraufhin wurde dem Regiment die 1. und 3. Komp./475 unterstellt, die der Kommandeur an den Nordhang des Galgenberges befahl.
Sehen wir uns den Gegenstoß der 8. und 10. Komp. an. Ihr Aufbau hatte sich in lichten  Wellen bis 11 Uhr vormittags vollzogen, beide Kompagnien hatten ohne irgendwo angelehnt zu sein, je einen Zug mit dem Kompagnieführer in vorderster Linie, einen 2. Zug rechts bezw. links überragend. Beide Kompagnien konnten sich anfangs ziemlich unbehelligt zu je 2 – 3 Mann in den zahlreichen Granattrichtern einnisten, aber ihr Aufbau blieb dem Gegner nicht verborgen; sie waren bis etwa 4.30 nachmittags dem gewaltigsten Feuer aus allen Kalibern, auch Gas ausgesetzt. Leutnant d. R. Heinzelmann, Führer der 8. Komp., sagt über diese Stunden in einem Briefe:
„Wenn auch die Verluste bis dahin erträglich waren, so waren dies doch meine herbsten Stunden im ganzen Kriege. In meinem Granatloch zusammengekauert mit meinem Hornisten Bertsch und dem Gefreiten Rutenfranz aus Eßlingen, im nächsten Granatloch zur Linken der Führer der 10. Komp., Oberleutnant Huber, so warteten wir geduldig, bis die Reihe an uns kam. Abgeschlossen hatte jeder mit sich und mit der Welt. Hin und wieder ein Rückblick aus dem Granatloch, ob die Kompagnie noch da – es war eine harte Feuertaufe für unsere Rekruten – gab uns die Überzeugung, daß nur Verwundete und Gaskranke den befreienden Gang nach hinten im schwersten Artilleriefeuer unternahmen. Mein tapferer Leutnant Gall war schon am Morgen schwer verwundet worden, er ist am nächsten Tag gestorben. Viele Verwundete fallen aus. Immer mehr steigerte sich das Feuer, sehnlichst wurde der Angriff der Franzosen erwartet. Endlich nach 4 Uhr erscholl der Ruf unserer Beobachter: „Sie kommen,“ Und tatsächlich schoben sich über den Cornilletrücken Schützenlinien, Reihenkolonnen und dicke Haufen, die behende den Berg herunterkletterten. Nun raus aus dem Loch und in Entfernung von 600 Meter geschossen aus dem Gewehr, was raus kam. Maschinengewehre fallen ein und haben bald keine Munition mehr. Auch bei uns Infanteristen heißt es haushalten. Immer Ermahnungen: Kühl Blut, sicher zielen, langsam feuern, jede Kugel mindestens ein Franzose. Mein Lauf war beinahe glühend. Bei den Franzosen blieben beträchtliche Verluste liegen, die Trupps zerstreuten sich. Teile näherten sich dem Tunnel; wie aber die Besatzung nicht herauskam, war uns klar, daß sie durch Gasvergiftung nicht mehr kampffähig und vielleicht schon hiedurch erledigt war. Einzelne der Besatzung, Angehörige der 7. Komp. mit Leutnant d. R. Weitbrecht, entkamen mit knapper Not und zogen sich auf uns zurück. Teile des Gegners schickten sich an, die Tunneleingänge mit Flammenwerfern auszuräuchern.
Nun war es Zeit zum Gegenstoß, zum Angreifen! Ein harter Entschluß, den wir zwei Kompagnieführer selbständig zu fassen hatten, aber durch einen Blick waren wir uns rasch einig, denn wir dachten nur an unsere Kameraden im Tunnel und an den Besitz des Berges. Wir sprangen über die Granatlöcher hinweg im dichtesten Hagel vor, doch war es unmöglich, die Feuerwand, die der Gegner zwischen sich und uns legte, mit einem Anlauf zu überwinden. Deshalb kurze Atempause und alsdann schrittweise weiter. So setzten wir dreimal an und kamen etwa 400 Meter vorwärts. Wir waren unterdessen nur noch rund 15 Köpfe von beiden Kompagnien zusammen, von der 10. Komp. Oberleutnant Huber und einige Mann; von der 8. Komp. ich, mein Hornist Bertsch und Gefreiter Rutenfranz, dieser auch verwundet. Es war uns klar, mit diesen paar Mann nicht mehr gegen die Franzosen anstürmen zu können, und so galt es wenigstens ihren Ansturm aufzuhalten. 40 Meter vor uns kamen sie zum Stehen, sie vermuteten offenbar stärkere Kräfte hinter uns. Nun aber fiel wieder Vernichtungsfeuer auf uns, in dem wir uns schließlich unsichtbar, in Rauchwolken links, rechts, zu allen Seiten platzender Granaten gehüllt, langsam zurückzogen, bis wir auf weiter hinten bereitgestellte eigene Truppen stießen, die uns ziemlich erschöpft aufnahmen.“
Es war zwischen 6 und 7 Uhr abends, als der Kommandeur des III. Batls., Hauptmann Winter, meldete, daß er mit 4 Maschinengewehren auf dem Galgenberg entwickelt sei, daß er aber ohne Unterstützung keinen Gegenstoß nach dem Cornillet, der in Händen des Feindes sei, ausführen könne. Mit Sehnsucht erwartete das Regiment, das nördlich des Galgenberges nur noch eine schwache Sicherheitsbesatzung hatte, auf das Eintreffen der 1. und 3. Komp./475, auf das Eintreffen des II./127 unter Hauptmann von Hartlieb, das von rechts und des I./247, das von links kommen sollte. Diese Truppenteile waren im Anmarsch gemeldet, aber zu sehen war noch nichts. Das III. Batl. hatte auf seinem Anmarsch auf der Fleckstraße, wo es entschieden zu weit hinter der vordersten Linie aufgestellt gewesen war, beim Vorgehen durch den Feuerriegel, mit dem der Feind den Cornillet absperrte, schon fast die Hälfte seines Bestandes eingebüßt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war es bis 200 Meter südlich der Ruinen des Dorfes Nauroy herangearbeitet. Der Regimentskommandeur sandte aus seinem Gefechtsstand, der in einem Granattrichter auf dem Galgenberg war, die nach 10 Uhr abends eintreffenden Trägertrupps vor zum III. Batl. zur Verstärkung. Der unmittelbar nachher eintreffende Führer des Minenwerfertrupps, Leutnant d. R. Elwert, erhielt den Befehl, mit allem, was er von seinen Leuten zusammenraffen konnte, links des III. Batls. zu verlängern und vorwärts der Kiesgrube Anschluß mit dem Nebenregiment zu suchen.
Gegen 11 Uhr nachts traf die 1. und 3./475 auf dem Gefechtsfeld ein. Die 1. Komp. wurde dem III. Batl. unterstellt und hatte eine Lücke auf dem linken Flügel auszufüllen. Die 3. Komp. wurde am Galgenberg als Regimentsreserve zurückbehalten, die 11. Komp. (Leutnant d. R. Heim) wurde auf dem rechten Flügel des III. Batls. eingesetzt. Auch die Trägertrupps, die etwa um Mitternacht unter Führung von Leutnant d. R. Federlin auf dem Gefechtsfeld eintrafen, wurden zur Verstärkung eingeschoben.
Um Mitternacht meldete Leutnant d. R. Elwert dem Regiment, das I./247 liege links von uns in der Nähe der Kiesgrube, worauf der Regimentskommandeur diesen Offizier zu dem Bataillon entsandte mit dem Befehl, sofort zum Gegenstoß anzutreten. Aber dieser Befehl ist nicht an das Bataillon gekommen, Leutnant Elwert ist unterwegs gefallen. Ein Meldegänger brachte gleichlautenden Befehl zu unserem III. Batl. Das Regiment wollte durch einen gemeinsamen Gegenstoß der beiden Bataillone in der hellen, klaren Mainacht den Feind wieder hinauswerfen, es rechnete dabei auf die Unterstützung des im Anmarsch gemeldeten II./127, das rechts neben dem III. Batl. eingreifen sollte. Dieses Bataillon ist selbständig zum Gegenstoß angetreten und hat sich in eine Lücke zwischen unserem rechten Flügel und dem Reg. 475 geworfen, wo es in die dortigen Kämpfe verwickelt wurde.
Gegen 5 Uhr morgens traf das I./Res.-Inf.-Reg. 13 an der Fleckstraße ein, Leutnant Boelsen hat es unter unendlichen Schwierigkeiten auf das Gefechtsfeld vorgeführt. Zwei Kompagnien blieben dort, die beiden andern an der sogenannten alten Artilleriestellung bereitgestellt.
Um 9 Uhr vormittags fand sich der Kommandeur des Res.-Inf.-Reg. 13, Oberstleutnant von Winterfeld, bei Major Diez ein, um das Kommando über den Abschnitt zu übernehmen, ihm wurde das III. Batl. bei Nauroy unterstellt. Der Regimentsstab begab sich über den Brigadegefechtsstand in das Lager nördlich Selles und stellte die Reste des I. und II. Batls. zu einem kombinierten Bataillon zusammen. Führer wurde Hauptmann d. L. Pfitzer, der eben beim Regiment eingetroffen war, er ist 2 Tage später gefallen. Darauf übernahm Oberleutnant d. R. Hofmeister das Bataillon, das noch am Abend des 21. in eine Reservestellung südlich des Rheinlagers abzurücken hatte.
Und die Besatzung des Cornillettunnels? Der 20. Mai 1917 hat gezeigt, welch große Gefahren die Unterbringung einer starken Besatzung in einer Stollenkaserne, und sei sie auch noch so gut eingedeckt, noch so zweckmäßig gebaut und eingerichtet, mit nur wenigen Eingängen in sich birgt. Die aus hygienischen Gründen notwendigen Luftschächte waren wie die Eingänge die schwachen Stellen des Tunnels, das hat der Franzose gewußt. Er fürchtete die aus dem Stollen zum Kampf hervorbrechende Besatzung, darum wollte er sie vernichten, ehe si ein das Gefecht eintrat. Darum legte er stunden- und tagelang Feuer aus schwersten Kalibern auf den Tunnel und leitete durch seine ausgezeichnet geschulten und sehr gewandten Flieger sein schweres Feuer auf die Luftschächte und Eingänge. Und der Franzose hat sein Ziel erreicht. Seine Granaten durchschlugen den Tunnel an den schwachen Stellen, Kohlenoxydgas drang ein in den Berg, die Eingänge wurden durch Volltreffer verschüttet, Kampfgas kam dazu da wo noch eine Öffnung war, und fast die ganze Besatzung, unter den ersten die Bataillonskommandeure, haben im Tunnel ihr Leben gelassen ohne mit den Franzosen handgemein geworden zu sein.
Als der Feind in den Tunnel, der ihm nun mühelos zufiel, eindrang, fand er nur Tote und Sterbende. Noch einmal lassen wir den wiederholt genannten französischen Bericht erzählen, wie es im Tunnel aussah, als der Franzose dort hineinkam. Es heißt:
„Am 20. Mai bedeckten unsere schweren Geschütze den Hügel förmlich mit Stahl und Eisen. Sie blendeten den mächtigen Gegner, indem sie die Ausgucklöcher und Beobachtungsschächte zerstörten. Schwere Granaten drangen bis in die tiefsten Stollen, zerstörten die Hauptausgänge und bald hatten Feuer und Eisen sowie die Giftgase der Sprengstoffe ihr Todeswerk vollbracht. In dem Riesenleib schien alles Leben erloschen.
Zwei zuerst eindringende Ärzte stellten fest, daß zwei Ausgänge verschüttet, der dritte zur Not noch gangbar ist. Der Hauptgang ist etwa 3 Meter breit und 2½ Meter hoch, sorgfältig ausgebaut, durch Holzbalken verschalt. In der Mitte eine Feldbahn und  an der Decke die Röhre, die Luft zuführt. Auf den ersten 30 Meter wenig Leichen, dann ein Haufen über- und durcheinander liegender Körper; etwas weiter in einer Nische eine große Funkenstation, daneben liegen 4 Tote, das Gesicht dem Erdboden zugekehrt. Ein fünfter auf einem Stuhle sitzend, den Kopf noch mit der Maske bedeckt, in den leblosen Händen den Sprechapparat, gibt kein Lebenszeichen mehr. Einige Meter weiter bei der Kreuzung des Hauptganges mit einem Querstollen ist der Weg vollständig versperrt durch die Trümmer des eingefallenen Deckengewölbes. Dort hat der Tunnel den Gnadenstoß erhalten durch ein Geschoß schweren Kalibers, das auf den Luftschacht fiel, den Unterstand, wo sich die 2 Bataillonskommandeure befanden, zermalmte, und dann den Erstickungstod bis in die tiefsten Winkel der Stellung sandte.
Die Leichen, welche in diesem Gang gefunden werden, tragen alle dieselben Todeszeichen: großes Gesichtsödem, Ruptur der Blutgefäße, verursacht durch die Explosion. Diese Leute haben nicht gelitten.
Der Eingang zur mittleren Galerie ist durch einen Haufen von Leichen vollständig versperrt. Es sind die Deutschen, welche vor dem Erstickungstode fliehen wollten und am Ausgang des Tunnels von unseren Granaten zerrissen wurden, sie liegen – es sind fast alles junge Männer – in etwa 5 Schichten übereinander; wohl 100 Feldgraue in vollständiger Ausrüstung, die Gasmasken auf dem Gesicht, die Beutel mit Handgranaten wohl versorgt, die Feldflaschen gefüllt. Einige haben das Seitengewehr aufgepflanzt, einige Erstickte sind aufrecht geblieben, ein grausiger Anblick.
Auf einer Bahre liegt ein Offizier, die beiden Beine sind im Gipsverband, er wurde hierher getragen, um dann rückwärts befördert zu werden.“
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dies der Kommandeur des II. Batls., Hauptmann Graf von Rambaldi. Nach der ersten Verschüttung war er nach unzähligen Schwierigkeiten nach Stunden ausgegraben worden. Oberarzt Dr. Nagel hat sich des Verschütteten angenommen und ihn nach rückwärts schaffen lassen.
„Etwas weiter zwei Maschinengewehre, auf dem einen liegt ein Deutscher hingestreckt, die Arme hängen leblos herunter. Patronen, Munitionskisten liegen am Boden.
Im Unterstand des Tunnelkommandanten, der durch einen Schild bezeichnet ist, keinerlei Unordnung. An der Wand hängt die Litewka und das Eiserne Kreuz I. Klasse glänzt auf dem feldgrauen Stoff. In einer Ledertasche einige Papiere, auf dem Tisch Papier, Karten, ein Feldstecher. Ein umgeworfener Stuhl zeugt davon, daß der Kommandant eiligst floh, nur mit dem Revolver bewaffnet, ohne sich erst Zeit zu nehmen, den Rock anzuziehen. Seine Leiche liegt wahrscheinlich unter einem Trümmerhaufen in der Nähe. So nahe an der Einschlagstelle unserer Granate wird er wohl als einer der ersten dem Erstickungstod anheimgefallen sein.
Die Munitions- und Vorratskammer enthält eine Unmenge Handgranaten, Konserven-büchsen und Sodawasserflaschen. Rechts ist ein anderer Stollen, darüber die Inschrift: „Verbandplatz“. Hier sieht es übel aus. Auf den Matratzen, am Boden, auf den Bahren liegen Soldaten regungslos. Dabei eine große Anzahl Krankenträger, die rote Kreuzbinde am Arm, am Boden. Hier hat der Erstickungstod sein Werk vollbracht.
Im Haupttunnel ist ein mächtiger Ventilator mit Handbetrieb und etwas weiter ein senkrechter Luftschacht. Hierher waren einige Deutsche geflohen in der Hoffnung, frische Luft für ihre brennend heißen Lungen zu finden. Aber die Giftgase der auf die Stellung einschlagenden Geschosse waren durch den Luftschacht eingedrungen und haben den Unglücklichen den Tod gebracht. Die Luft ist noch verpestet, man muß zurück. Der Haupteingang endet in einer Sackgasse. Auch er ist versperrt durch einen Haufen von Leichen und Trümmern. Man muß den Tunnel verlassen, wie man hereingekommen ist, indem man den Leichenhaufen, der bis zur Decke reicht, erklettert. Über ׅdie leblosen Körper kommt man endlich ins Freie an das helle Sonnenlicht. Das Geheimnis des Tunnels ist gelöst.“

Dem Feind zur Ehre sei betont, daß er sich seines Sieges nicht laut oder überhebend gerühmt hat. Nicht im Kampf Mann gegen Mann hat er den Cornillet erobert, sondern wir erlagen der Überlegenheit der feindlichen Kampfmittel.
Nun mögen noch die Zahlen sprechen:
Die Kompagnien waren beim Beziehen der Stellung etwa 80 – 100 Mann stark. Die Gefechtsstärke des Regiments betrug 64 Offiziere, 2419 Mann und 28 M. G. Die Verluste in diesen Tagen infolge Tod, Verwundung, Krankheit, Gasvergiftung und an Vermißten betrugen 39 Offiziere, 1064 Mann.“


aus: „Die Geschichte des Württembergischen Infanterie-Regiments Nr. 476 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

1 Kommentar:

  1. Sehr geehrter Herr Weigert,

    mit grossem Interesse lese ich Ihre Seite, besonders über den 20. Mai 1917

    Einige Zusatzinformation zur Tragödie am Mont Cornillet finden Sie auf der Seite:

    https://geschichte-im-hinterland.de/wiki/Der_Debus-Tunnel_und_andere_Tunnelanlagen_im_Ersten_Weltkrieg,_Champagne_1915


    Im Regimentsbericht wird erwähnt, dass ein altes Kreidebergwerk als Basis für die Tunnelanlage diente.

    Karl Debus, der Erbauer des Tunnels, legt in seinen Aufzeichnungen aber grossen Wert darauf, dass er der erste war, der den Berg "berührte".

    Philippe Bacquenois der Gesellschaft "Memoires des Monts de Champagne" teilte mir mit, dass nur in deutschen Berichten von diesem Kreidebergwerk geredet wird. In Frankreich gibt es keine Hinweise darauf. Jedoch gab es im nahegelegenen Nauroy einen Steinbruch, wo ein Teil des Abraums deponiert wurde.

    Weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Blog


    Siegfried Palm

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