Freitag, 15. September 2017

15. September 1917


Otto Meyer.

Geboren in Berg bei Stuttgart als Sohn des Fabrikanten Heinrich Meyer am 14. April 1870. Stuttgarter Gymnasium. Studium der Theologie in Tübingen, mit einer Unter-brechung von zwei Semestern in Halle 1889 – 1893. Vikar in Schrozberg. Aufenthalt in England 1895 – 1903, zuerst als Hilfsgeistlicher an der deutschen Gemeinde in Islington-London, dann von 1897 an als Pfarrer in Bradford. Heirat mit Kätchen Wendt aus London 1897. Pfarrer in Dietersweiler bei Freudenstadt 1903 – 1905. Stadtpfarrer in Tübingen seit 1905.
Was an meinem Bruder zunächst ins Auge fiel, war die Frische und Herzlichkeit seines Wesens. Ein leidenschaftliches Bedürfnis, das Leben nach allen Seiten kennen zu lernen und durchzuproben, erfüllte ihn; er liebte den Wechsel, der ihn in neue Verhältnisse brachte, und alles Gefährliche war für ihn von besonderem Reiz. Auch das geistige Interesse zog bei ihm weite Kreise und beschränkte sich nicht bloß auf die Theologie, deren Entwicklung er mit lebendigem Anteil folgte. In allem fühlte er sich nicht als ein Fertiger, er war immer ein Werdender und blieb daher auch immer jung. Frisch und freudig, wie er war, verstand er es, Frische und Freude auf seine Umgebung zu über-tragen; seine Herzlichkeit und Gemütlichkeit gewann ihm alle Seelen; er war ebenso gerne gesehen in den Kreisen der Universität, als sich ihm die Türen und Herzen der kleinen Leute öffneten, von denen viele ihm mit unwandelbarer Anhänglichkeit ergeben waren. Es war ihm wohl, wo Herz und Gemüt Befriedung fanden, am wohlsten aber in der Familie, der er ein nie versagender Gatte, Vater und Bruder gewesen ist.
Aber alle diese Lebensfrische und Herzenswärme einer echten Siegfriednatur ruhte auf dem ernsten Untergrund einer festen religiösen Überzeugung. In dem aus tiefsten Erleben geflossenen Glauben an die Liebe Gottes hat er sich ebenso innerlich gebunden, wie äußerlich frei und unabhängig von jeder Autorität und zum freudigen Genuß der Lebensgüter berufen gefühlt. Auch ins Predigtamt hat ihn dieser Glaube begleitet, und wenn auch der Zwiespalt zwischen seiner freien Überzeugung und der Gemeinde-theologie ihn in manche Not gebracht hat, so hat er doch in der kirchlichen Tätigkeit immer wieder seine Befriedigung gefunden; er war auch wie geschaffen für sie. Seine erlebte Frömmigkeit und seine eindrucksvolle Rednergabe haben eine zahlreiche Gemeinde um ihn versammelt, und die Fähigkeit, mit dem Sonnenhaften seiner Natur auch andere zu erwärmen und sie mit freundlichem gemütvollem Humor oder mit ernster Zusprache über ihre Leiden zu erheben, haben ihn zum willkommenen Helfer und Tröster aller Armen und Bedrückten gemacht.
Als der Krieg ausbrach, da trieb ihn seine warme Vaterlandsliebe, sein unerschütter-licher Glaube an Deutschlands Zukunft und seine natürliche Freude am Erregenden und Abenteuerlichen ins Feld. Seit Juni 1915 wirkte er im Elsaß als Feldprediger bei der 7. Landwehrdivision, Armee-Abteilung Gäde. Rasch gewann er sich die Liebe der Soldaten durch die kameradschaftlich-volkstümliche Art seines Verkehrs und durch den Mut, mit dem er sie, unbekümmert um die Gefahr, in den vordersten Gräben aufsuchte. Zu seinem großen Leidwesen wurde er im Oktober 1916 von der Front in die Etappe versetzt und zum Gouvernementspfarrer in Warschau bestimmt. Als er am 15. August 1917 Warschau zum langersehnten Urlaub verließ, trug er den Keim des Todes in sich, den er sich bei den seelsorgerischen Besuchen der Ruhrkranken zugezogen hatte. Die Krankheit zwang ihn in der Heimat auf ein schmerzensreiches Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Am 15. September verschied der allzeit Hoffnungs-volle in den Armen seiner Gattin, der treuen Pflegerin seiner letzten Tage, und wurde zwei Tage später unter ungemein zahlreicher Begleitung der trauernden Freunde und Gemeinde auf dem Tübinger Friedhof zur Ruhe bestattet.
Stuttgart.                                                                                       Theodor Meyer..“


aus: „Gedenkbuch der Tübinger Normannia für ihre Gefallenen“, Stuttgart 1921

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