Sonntag, 3. Mai 2015

3. Mai 1915


David Knehr
* 21. September 1887 in Weidenstetten (Württ.). Nic. W 1906. Pfarrer für Geißelhardt. Leutnant im R.I.R. 247. † 3. Mai 1915 bei Zonnebeke.

Bundesbruder Betz, der mit Knehr längere Zeit in derselben Kompagnie (9./247) zusammen war und unmittelbar nach dem Tode Knehrs die Führung der 8. Kompagnie, bei der Knehr stürmte und fiel, übernommen hat, berichtet folgendes:
Als Unteroffizier zieht Knehr im Dezember 1914 ins Feld zum Res.-Inf.-Reg. 247, er macht dort die Stellungskämpfe vor Ypern (Polygonfeldwald, Becelaere) mit. Drei Tage vorderste Stellung in den Schützengräben westlich Becelaere, drei Tage Bereit-schaftsstellung in Molenhoek mit nächtlichen Schanzarbeiten in der vordersten Stellung, drei Tage Ruhe in Dadizeele, war die gleichmäßig wiederkehrende Abwechslung. In Dadizeele hatte Knehr regelmäßig die Freude, seinen Leibburschen Gustav Gruner, den Feldgeistlichen der 54. Reservedivision zu sehen, welchem er auch gelegentlich im Amte aushalf.
Am 25. Februar 1915 wurde Knehr zum Vizefeldwebel befördert; am 21. April unmittelbar nach seiner Beförderung zum Leutnant, wurde er zufolge eines Regiments-befehls dann zur 8. Kompagnie versetzt. Nur ungern sah seine 9. Kompagnie ihn aus dem Verband des III. Bataillons scheiden.
Am 23. April 1915 begann der große Frühjahrsangriff gegen Ypern. Das gerade in Ruhe liegende II. Bataillon des Res.-Inf.-Reg. 247 mit der 8. Kompagnie wird für eine besondere Aufgabe aus seinem Regimentsabschnitt herausgezogen und nördlich davon eingesetzt. Beträchtliche Teile der feindlichen Stellung sind am 2. Mai genommen, noch aber steht das letzte Bollwerk der feindlichen Stellung, das Erdwerk Zonnebeke. Da erhält am 3. Mai das II. Bataillon den Befehl, auch dieses Bollwerk zu stürmen. Mit vorbildlicher Ruhe, aber einer Stoßkraft sondergleichen, stürmen die schwäbischen Bataillone gegen die feindliche Stellung an, schon hat die 8. Kompagnie die feindlichen Gräben erreicht, Knehr als einer der ersten. Da setzt ein vernichtendes Abwehrfeuer ein. Knehr, hoch aufgerichtet zum Nahkampf bereit, erhält mehrere Maschinengewehr-schüsse in den Bauch, Leber und Nieren; schwer verwundet bleibt er liegen, bis der Graben unser ist. Mit verzweifelter Erbitterung wirft sich alles dem Feind entgegen; mit Spaten und Pickel wir der letzte Endkampf ausgetragen. Das Bollwerk Zonnebeke, der Schlüsselpunkt für die feindliche Stellung bleibt in unseren Händen.
Schwer verwundet tragen seine Leute den so beliebten Führer zur Verbandstelle zum Feldarzt, Bundesbruder Lebküchner. Er kann nicht mehr helfen. Der auf die Kunde seines Fallens herbeigeeilte Leibbursch Gruner trifft ihn bereits still und bleich unter einer Zeltbahn in dem Kämmerlein eines zerschossenen Hauses des Verbandsplatzes Paschendaele.
Den Erfolg des Sturmes hat er nicht mehr erlebt, fluchtartig und kampflos hatte der Gegner am 4. Mai seine gesamten Stellungen bei S’gravenstafel, Zevenkote, Zonnebeke, Polygonfeldwald verlassen, die Stürmenden des 3. Mai hatten sich so für ihre Regimenter geopfert und den von der Division vorgesehenen Sturmangriff auf diese Stellungen erspart. Ohne Verluste konnte die 54. Reserve-Division ihre Stellungen um ca. 8 bis 12 Kilometer bis in die Höhe von Eksternest vorverlegen.
Die wenigen Überlebenden seiner Kompagnie, zu der ich zwei Tage später versetzt wurde, konnten nur voll innerer Rührung ihres gefallenen Führers gedenken. Mit seiner Herzensgüte, seiner schlichten und geraden Art hat er auch in der neuen 8. Kompagnie die Herzen in kurzer Zeit gewonnen. Bescheiden und zurückhaltend, wie er war, drängte er sich keinem auf, er war aber immer bereit zu helfen, wo man ihn brauchte und fand mit der ihm eigenen inneren Ruhe und Herzenswärme zur rechten Zeit das rechte Wort und die rechte Tat.
Vorbildlich ist er mit Ruhe und Bestimmtheit seinen Leuten zum letzten Sturm vorangegangen, gefaßt und still hat er die Schmerzen seiner schweren Verwundung getragen, aus Gottes Hand und in Gottvertrauen hat er den Todeskampf überwunden. –
David Knehr wurde geboren in Weidenstetten auf der Alb am 21. September 1887 als Sohn des Hilfswärters Christof Knehr. Kaum vierjährig verlor er den Vater durch einen Unfall und wuchs mit drei jüngeren Geschwistern unter der Erziehung der frommen Mutter auf, welche in schlichten, rührenden Worten den kurzen Lebensweg ihres Ältesten, von der ländlichen Dorfschule über die Lateinschule Göppingen, die Seminare Schöntal und Urach, die Hochschule und Garnison Tübingen bis zum frühen Abschluß in Flandern beschreibt. Dem Ortsgeistlichen, Pfarrer Paulus, der den begabten, armen Volksschüler zwei Jahre lang unterrichtete und dem Rektor F. Grunsky, der ihn in Göppingen zwei Jahre lang auf das Landexamen vorbereitete und ins eigene Haus aufnahm, setzte sie dabei ein schönes Denkmal der Dankbarkeit. Von der Nicaria sagt sie: Manch schöne Erinnerung blieb ihm von dieser Verbindung; sie hielten so treu zusammen in Freud und Leid, und manches Schöne und Edle durfte er in ihrem Kreise erleben. Nie hat er bereut, daß er sich dieser Verbindung angeschlossen hat. Auch die rechte Pfarrfrau fand sich für ihn, der nach drei Vikarsjahren auf die Pfarrstelle Geißelhardt ernannt wurde, diese Stelle aber infolge seines Ausmarsches nicht mehr antreten sollte.“


aus: „Gedenkbuch der Tübinger Nicaria für ihre Gefallenen“, Tübingen 1933

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