Samstag, 30. Mai 2015

30. Mai 1915


„Am 27. Mai kam das Regiment wieder in Stellung vorwärts La Folie bei Vimy, linker Flügel dicht bei Neuville, etwa 1 Kilometer breit. Die vorderste Linie war in dem Hohlweg Souchez–Punkt 123–Neuville. Sie hatte vielfach gar kein Schußfeld, aber von Neuville her konnten die Franzosen einen großen Teil des Hohlwegs frankieren. Gedeckte Verbindung nach rückwärts fehlte.
Das Regiment, das vor uns dagewesen, war in der Hohlwegstellung vom Feind überrascht, 1 Bataillon aufgerieben worden. Doch hatten die Franzosen die Stellung wieder räumen müssen. Es war übrigens dasselbe elsässische Regiment, das wir schon bei Givenchy angetroffen hatten.
Überall lagen aus diesen Tagen her Gewehre herum, ebenso Tornister, Helme, Patronen, Ausrüstung aller Art. Es wurde daher befohlen, niemand geht zurück, zu welchem Zweck es auch immer sei, ohne von dem herumliegenden Material etwas nach hinten mitzunehmen.
Viele Leichen, Deutsche und Franzosen, mußten besser beerdigt werden; sie lagen im Hohlweg, nur leicht mit Erde zugedeckt, die der Regen wieder aufgeschwemmt hatte. Zur Herstellung des Schußfelds wurde stellenweise ein Graben vorwärts des Hohlwegs ausgehoben, andernorts eine höhere Brustwehr aufgesetzt und der Stand der Schützen entsprechend erhöht. An dritter Stelle konnte man durch Vorbereitung zum Kreuzen des Feuers abhelfen. Zum Flankenschutz gegen Neuville wurden Schulterwehren eingebaut. Dies alles war die Arbeit des I. Bataillons.
Das III. Bataillon lag in Vimy als Reserve des Regiments. In der Nacht vom 28. auf 29. Mai hob das III. Bataillon einen Verbindungsweg aus von der vordersten Stellung bis in die Nähe der nachher zu beschreibenden Rattenvilla, mit Windungen über 2000 Meter lang und so tief, daß man gebückt darin Deckung fand. In der nächsten Nacht wurde er bis zu 2 Meter Tiefe ausgebaut. Es war eine staunenswerte Leistung, zumal bei den Klaren Nächten. Der hier zuständige Divisionskommandeur, General Vollbrecht, benannte den Graben „Württembergergraben“. Am 1. Juni löste das III. Bataillon das I. Bataillon in vorderer Linie ab.
Vom II. Bataillon waren 2 Kompagnien hinter dem I. Bataillon und zu dessen Verfügung in Reserve. Der Stab und die 2 andern Kompagnien befanden sich dicht nördlich Schloß La Folie, wo sie eine zweite Stellung und an dem Steilabfall gegen Vimy hin, im Wald, Unterstände für starke Reserven bauten.
Der Regimentsstab lag im Keller des Ökonomiehofes, 300 Meter westlich Schloß La Folie, in der sogenannten Rattenvilla. Sie machte diesem Namen alle Ehre. Hier schliefen 3 Offiziere übereinander auf einer schmalen Apfelhurde, ein Schreiber unter dem Tisch. Diese Unterkunft war zwar taktisch viel zu weit vorne, noch vor dem II. und III. Bataillon, das ließ sich aber nicht vermeiden, wollte der Regimentskommandeur die kurze Zeit der Morgendämmerung benützen, um über die Bauten des Regiments oben auf der Hochfläche auf dem Laufenden zu bleiben.
Die Verluste durch das feindliche Artilleriefeuer waren anfangs beträchtlich; mit dem besseren Ausbau der Stellung nahmen sie ab. In jeder Hinsicht bewährten sich auch hier wieder die Erfahrungen von La Boisselle.
Am 30. Mai erfolgte ein großer französischer Angriff, dessen linker Flügel noch das Regiment traf. Er wurde abgewiesen. Das I. Bataillon verlor dabei 34 Mann, die feindlichen Verluste waren anscheinend sehr schwer. Denn wieder, wie bei Givenchy, arbeitete die deutsche Artillerie vorzüglich.“



aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart, 1920

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