Freitag, 1. Mai 2015

1. Mai 1915


„(Aus einem Kriegstagebuch.) 29. April. Als Ablösung in den Schützengräben; abends Abmarsch zu Pferde bis zu den Inf.-Waldlagern, dann zu Fuß bei Nacht in die Stellung südlich Morawy. Der Offizier, den ich ablöse, führt mich im Mondschein in den Gräben umher, zeigt die Plätze den Posten usw., zum Schluß mein Schlafkabinett, das in einem 2 m langen, 1 m hohen, mit wenig Stroh als Lager dienenden Erdloch besteht. Ich hänge meine Zeltbahn an den offenen Eingang und revidiere die Unterkunft der Schützen und die aufgestellten Posten. Links bei der Infanterie die Verbindung aufnehmend, ist der Schützengraben mannstief – ½ m breit, mit Brustwehr, die mit Schießlöchern und Stahlschilden, Geländeskizzen und Auftritten versehen ist und aufs peinlichste von allem Papier und Abfall sauber gehalten wird; auf der vom Feinde abgekehrten Seite sind unsere Schützen in Erdlöchern eingegraben und brotzeln in allen Nischen den ganzen Tag: Kartoffeln und Kaffee, rauchen, schlafen oder spielen Karten ….. Inzwischen hat die beiderseitige Artillerie genügend gefrühstückt und beginnt zum Zeitvertreib sich gegenseitig zu ärgern. Geschoß auf Geschoß jagt brausend und jaulend über und hinüber. – „Wer geht ins Charlottenbad?“ – Also auf! In das Erlenwäldchen, wo in einem klaren Bächlein ein ca. 5 qm großes Loch ausgehoben und mit Brettern verschalt ist. Ein „Bademeister“ drängt die Badenden aus der Brühe, läßt die „Bouillon“ ab, füllt klar und kalt von neuem nach und hinein geht’s unter Pusten und Schnuppern ins frische Wasser. Ein längeres Sonnenbad auf unseren Zeltbahnen wird durch einige zu kurz gehende russische Schrapnells sehr ungemütlich beendigt. Alles schimpft über diese Rücksichtslosigkeit – und mit Skandal geht’s in ein anderes Lokal. Ein Unglücksfall ruft mich ab: Die Russen schießen ab und zu auf ungeheure Entfernung mit Gewehren nach einzelnen Posten; bei uns arbeitet – im toten Winkel – ein Kriegsfreiw. Kopp aus Stuttgart am Ausheben von Stufen mit einem Ul.-Arbeits-kommando und fällt von einem Querschläger in die Halsschlagader getroffen, tot zu Boden.“


aus: „Bilder aus der Geschichte des Ulanen-Regiments König Wilhelm I (2. Württ.) Nr. 20“, Stuttgart 1934

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