Montag, 4. Mai 2015

4. Mai 1915


„Unsere Posten und Patrouillen bemerkten am 4. Mai kurz vor Tagesanbruch starke Bewegung im feindlichen Graben. Kurz darauf wurde festgestellt, daß der Gegner im Begriff stand, aus seiner Stellung abzuziehen. Unverzüglich wurde die Artillerie von den gemachten Wahrnehmungen verständigt. Das in Stellung befindliche III. Bataillon unter Major Goez nahm sofort die Verfolgung des Gegners auf. Richtung und Ziel des Vorgehens waren schon seit Tagen bekannt. Trotz der Verluste durch die feindliche Artillerie stießen die Kompagnien doch bis zum Nordwestrand unseres Waldes vor. Hier fanden sie sich jedoch einer stark befestigten und gut ausgebauten Stellung auf der Doppelhöhe 60 gegenüber, an deren Angriff mit den vorhandenen Mitteln nicht zu denken war; sie gruben sich daher ein. Das Zurückbringen der Verwundeten auf der vom Feinde eingesehenen Schneise brachte auch den wackeren Krankenträgern Verluste.
Ein Blick in die verlassene englische Stellung zeigte, daß sie zwar taktisch richtig angelegt war, sich aber im Ausbau bei weitem nicht mit der unsrigen messen konnte. Nicht weniger als 17 Minenstollen waren gegen unseren rechten Flügel vorgetrieben. Große Mengen von Infanteriemunition, Handgranaten, Ausrüstungsstücken und Konserven hatten die Engländer zurückgelassen. Als besondere Merkwürdigkeit fand sich ein Sack mit stählernen Handschellen vor, die ihrer Stärke nach zum Fesseln eines Elefanten genügt hätten. Einzelne scheinbar zufällig liegen gebliebene Gegenstände, wie z. B. Ferngläser, waren durch Draht mit einem Sprengkörper verbunden, der bei Aufheben des Gegenstandes explodierte und dem Finder übel mitspielte. Nach aufgefundenen Papieren hatte die Besatzung dem 1. und 2. Cambridgeshires-Regiment und den Royal-Irish-Fusiliers angehört.
Im Zwischengelände lagen noch 173 unbeerdigte Leichen vom November 1914 her, darunter 53 von unserem Regiment. Das Begraben dieser Leichen war eine harte Arbeit, grauenhaft das Abnehmen der Erkennungsmarken und Bergen des Privatbesitzes. Es fand sich jedoch ein wackerer Mann, der auch diese Arbeit nicht scheute. Ein anderer 126er suchte und fand die Leiche seines am 2. November gebliebenen Bruders. In einer Zeltbahn trug er die Reste nach unserem Waldfriedhof und bestattete sie dort.“


aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

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