Sonntag, 16. Juli 2017

16. Juli 1917


„Die Stellung wird immer besser ausgebaut, sie wird immer stärker und widerstands-fähiger. Immer mehr wirkt sich der von der obersten Heeresleitung kommende neue Geist aus. Hat man früher nicht genug Leute in den vordersten Graben stecken können, so wird dies unter dem Eindruck des Trommelfeuers nun ganz anders. Die Abwehrkräfte werden jetzt recht tief gegliedert, überall im Zwischengelände, an Punkten mit gutem Schußfeld werden gut versteckte Maschinengewehrnester angelegt, im vordersten Graben werden nur noch ganz schwache Kräfte gelassen. Es bietet sich so am ehesten Aussicht, die Verluste durch das feindliche Vorbereitungsfeuer auf ein Mindestmaß zu beschränken, und trotzdem oder noch eher den feindlichen Angriff zum Stillstand zu bringen. Der erste Graben geht bei einem Großangriff in der Regel sowieso verloren, das ist auch nicht weiter schlimm. Schlimm und unnötig dagegen sind die großen Ver-luste, die das Trommelfeuer im vordersten Graben, der ja doch ziemlich bald eingeebnet ist, fordert, höchst unnötig sind sie, denn sie nützen gar nichts. In dem Augenblick, wo man die Leute braucht, sind sie doch nicht mehr da, sind sie aufgerieben. So muß die seitherige Starrheit der Abwehrschlacht einer gewissen Beweglichkeit Platz machen.
In den Gräben ist es bei dem jetzt allmählich warmen, trockenen Wetter sehr angenehm. Mit Behagen läßt man sich von der Sonne bescheinen. Bei Neu-Essen ist ein Bach gestaut, die dort liegenden Kompagnien können sich so an einem Freibad erfrischen. In Sargdeckeln werden dabei Kahnfahrten gemacht. Die Stimmung ist glänzend. Nur ein Schatten ist vorhanden: Der Winter 1916/17 ist als Kohlrübenwinter bekannt. Werden die Köche auch noch so sehr instruiert: Rüben bleiben eben Rüben. „Ulanenhäcksel oder Drahtverhau“, „Drahtverhau oder Ulanenhäcksel“ und „Blauer Heinrich“ werden zum täglichen Essen, auf dem man vergebens nach Fettaugen sucht. Wenn wenigstens die Brotrationen größer wären! Viel Kreide gibt’s und wenig Brot!
Vor dem Feinde sind dauernd Patrouillen. Es gelingt ihnen aber mit dem besten Willen nicht, einen Gefangenen einzubringen, trotzdem sie manchmal bis zum 3. und 4. feind-lichen Graben vordringen. Der Franzose hat seine vordersten Gräben verlassen und sie ganz unheimlich verdrahtet. Es stehen nur noch einige Sappenposten vorn, die durch ein derart dichtes und tiefes Drahthindernis gesichert sind, daß man einfach nicht unbemerkt beikommen kann. Jedes Granatloch ist mit Schnelldraht gefüllt, im ganzen Zwischen-gelände, zwischen den einzelnen feindlichen Gräben ist Draht, Draht und wieder Draht. Ein mühseliges Beginnen, sich da durchzuarbeiten. Langsam, mühselig, unter Beach-tung der größten Vorsicht, um ja kein Geräusch zu machen, pirscht man sich heran, frißt man sich mit der Drahtschere durch diese verfluchten Hindernisse. Die Geduld darf man dabei nicht verlieren, auch nicht die Nerven. Plötzlich von allen Seiten eine gemeine Knallerei, Gewehrgranaten krachen! Und jetzt kannst einpacken, der Franzose hat etwas bemerkt. Wie ein geölter Blitz fährt man in das nächste Granatloch und hängt schon wieder in diesem ekligen Stacheldraht, den man nun erst recht verwünscht. Hose und Rock gehen in Fetzen, von den Händen und vom Gesicht läuft das Blut.
Im allgemeinen ist die Stellung ruhig. Ab und zu legt allerdings der Franzose auf ein-zelne Abschnitte Granat- und Minenfeuer, die Antwort bleiben wir ihm nicht schuldig.“

aus: „Ehrenbuch des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 248“, Stuttgart 1932

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