Montag, 24. Juli 2017

24. Juli 1917


Als Heeresartillerie waren wir ausersehen, im Mittelpunkt des englischen Angriffs zu stehen, den die Heeresleitung zwischen Warneton und Dixmuiden vom 20. Juli an erwartete. Aber ein Befehl in letzter Stunde drehte uns ab und führte uns ein paar Stunden weiter nach Süden zur „Gruppe Lille“ der 4. Armee. In der Spätnacht des 16. wurden II. und III. Abteilung bei Deulemont, am Südausläufer der drohenden Schlacht eingesetzt. So erhielt das Feldartillerieregiment „Nord“ als Sonderauftrag die Unter-stützung der nördlichen Nachbardivision. Da standen wir denn wieder in dem Land mit seinen über den Wiesengrund verstreuten Hecken und Büschen, seinen hochstämmigen Gruppen von Ulmen, Eichen und Weiden, das zum Entzücken für jedes Malerauge, zum Kreuz für den Artilleristen vom lieben Gott geschaffen ist. Die Batterien waren im Gebüsch verkrochen. Aber der Instinkt unserer Urahnen kam uns zu Hilfe, wir kletterten in die Gipfel der Pappelbäume und schufen uns da droben einen Ausguck nach dem Feind.
Unsere nächste Aufgabe war, die englische Artillerie zu bekämpfen und zu vergasen. Aber unsere kurzatmigen Rohre konnten die weittragenden englischen Geschütze nicht fassen. So haben sich die Unsern Nacht um Nacht vorgepirscht zu vordersten Schützen-linie und von dort ihre Gelb-, Grün- und Blaukreuzgranaten zum Feind hinübergejagt. Es waren tolle Fahrten. Manches Mal hat die Batterien da vorn die Morgendämmerung überrascht. Dann karrten sie, angesichts des Feindes, im „sausenden Schritt“ ihren Tagesstellungen zu. Aus dem Lysgrund aber stiegen barmherzig die Nebel und entzogen sie dem Auge des bösen Feindes.
Der gefürchtete 20. Juli kam, brachte aber keinen Sturm. Am 25. spieen die englischen Geschütze von Ypern Trommelfeuer nach allen Seiten, doch der Engländer blieb in seinen Gräben. Wir hatten ihm mit unserem Vergasen sichtbar seine Karten unterein-ander gebracht. Ach, wenn er doch kommen wollte! Stunden bangen Harrens schlichen vorüber. Wir wußten wohl, was auf uns wartete; deckungslos, kaum gegen Splitter geschützt, standen wir da in unseren Sumpfstellungen, in denen schon der erste Spaten-stich auf Grundwasser stieß. Aber das ungewisse Harren verzehrt mehr Nervenkraft als Schlacht und Sturm.“


aus: „Das 4. Württ. Feldartillerie-Reg. Nr. 65 im Weltkrieg“, Stuttgart 1925

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