Montag, 31. Juli 2017

31. Juli 1917


31. Juli 1917. Dieser Tag ließ nichts Gutes ahnen. Vom ersten Morgenschimmer an suchten die niedrig fliegenden feindlichen Flieger unsere rückwärtigen Stellungen und unsere Quartiere auf und nahmen marschierende Abteilungen unter Feuer. In aller Frühe schon kam an uns der Befehl, die zweite Stellung für den Fall einer nötig werdenden Besetzung zu besichtigen. Wir M. G.-Zugführer machten uns unverzüglich auf den Weg und kamen vor bis Deimlingseck. Deutlich war zu sehen, wie das Artilleriefeuer des Gegners überall auf unseren rückwärtigen Linien und Unterkünften lag. Eine Baracke erhielt einen Volltreffer. Ein Pionieroffizier sagte uns, auf der ganzen Kampflinie sei der Alarm angeordnet.
Im Eilmarsch ging es zur Kompagnie zurück, die schon marschbereit dastand und sofort in die Stellungen abrückte. Unsere Gespanne wurden vorgezogen, soweit es irgend ging. Die Wagen fuhren nach Gheluwe zurück; wir selber keuchten unter der schweren Last der Gewehre und der Munitionskästen durch den aufgeweichten Boden und passierten unsere Artilleriestellungen, die dauernd im schwersten feindlichen Feuer lagen. Um 4 Uhr jedoch konnte zurückgemeldet werden: Stellungsabschnitt besetzt!
Die große Durchbruchsschlacht der Engländer war in vollem Gange. Langsam setzte ein Regen ein, der über den Tag anhielt und in kurzer Zeit das Trichterfeld in einen großen Morast verwandelte. In den zerschossenen Gräben und Granattrichtern saßen unsere Leute Tag um Tag, notdürftig unter ein Zelt geduckt, jeden Augenblick den Tod vor Augen. Die feindliche Artillerie funkte unablässig, was das Zeug hielt; die unsrige blieb ihr aber nichts schuldig. Auf einem unserer betonierten Maschinengewehr-Unterstände schlug eine schwere Granate ein, daß der ganze Bau wackelte. Gleich darauf schlug hart nebenan eine zweite ein und hob den Unterstand aus seiner Lage. Die Maschinen-gewehr-Bedienung jammerte, sie wolle nicht mehr drinbleiben, sondern auf dem freien Felde sterben. In einem anderen Maschinengewehr-Unterstand fand sich ein General-stabsoffizier ein, der mit der vordersten Linie telephonisch verbunden war und trotz stärkster Beschießung seelenruhig mit brennender Zigarre seine Karten nach den von vorne kommenden Meldungen ergänzte. Schwere Munitionskolonnen fuhren durch dick und dünn zwischen den Batteriestellungen hindurch. Mitten in eine solche Kolonne schlug eine schwere Granate ein. Eine riesige Feuer- und Staubwolke, ein furchtbarer Schlag – von der Kolonne war nichts mehr zu sehen; in tausend Fetzen flog alles hoch empor. Feindliche Flieger suchten mit großer Frechheit unsere Stellungen ab. Einer von ihnen wurde in unserer Nähe von den Maschinengewehren heruntergeholt und stürzte brennend zur Erde. Auf einmal tauchte ein Trupp gefangene Engländer auf, der in beschleunigtem Tempo durch unsere Leute nach hinten verbracht wurde.
Im Scherenfernrohr eines Artillerie-Beobachtungsstandes sah ich haarscharf das deut-sche Trommelfeuer auf den feindlichen Linien liegen. Auch dort ist alles in Rauch und Staub gehüllt. Als das Feuer nachläßt, beobachte ich, wie feindliche Kolonnen im Laufschritt die dortige Stellung verstärken. Mitten in ihre Reihen schlägt wieder das deutsche Abwehrfeuer. Überall Tod und Verderben. „So kann es nicht mehr lange weitergehen!“ meinte ein Landsturmmann neben mir, „da wird man ja vollends hin!“.“


aus: „Landsturm vor! Der mobile württembergische Landsturm im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart, 1929

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