Montag, 29. August 2016

29. August 1916


„KARL SCHMIDLIN
gestorben als Leutnant d. R. und Kompagnieführer im Württ. Grenadier-
Regiment No. 119 am 29. August 1916 infolge einer am
24. August in den Kämpfen an der Somme
erlittenen Verwundung.

Bei Kriegsausbruch Referendar in Stuttgart zog er in den ersten Tagen nach der Mobil-machung als Leutnant der Reserve beim Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) 119 ins Feld. In den siegreichen Kämpfen an der belgisch-französischen Grenze wurde er bei Barancy am 22. August 1914 erstmals verwundet. Die Beinwunde heilte so rasch, daß er schon Ende September 1914 wieder ausmarschierte, zunächst in die Argonnen und von da, an der Spitze einer Kompagnie seines Regiments, geschmückt mit dem E. K. II, weiter in den Nordwesten Frankreichs gegen Lille. In den dortigen Kämpfen seines Regiments wurde er bei Fromelles am 25. Oktober 1914 zum zwei-tenmal und zwar am Arm verwundet. Die Heilung nahm, da die Bewegungsfähigkeit der rechten Hand stark beeinträchtigt war, längere Zeit in Anspruch; aber noch vor völliger Wiederherstellung zog er im Februar 1915 wieder hinaus zu seinen Grenadieren, dies-mal in den Osten, wo er in Polen den Stellungskrieg und dann die glänzende deutsche Offensive nach Rußland mitmachte. Hier traf ihn, in mutigem Vorstürmen, beim Übergang über den Narew am Vormittag des 26. Juli 1915 abermals die feindliche Kugel. Es war ein Brustschuß, der ihm die Lunge durchbohrte. Von seinen Kameraden im Hin- und Herwogen des Kampfes getrennt und hilflos in einer Bodenvertiefung liegend, wäre er von den Russen, die zeitweise bis zu dieser Stelle gedrungen waren, gefangen genommen worden, wenn sie ihn nicht für tot gehalten hätten. Auch seine Kompagnie gab ihn schon verloren. Unter Aufbietung seiner letzten Kraft gelang es ihm aber nach Einbruch der Dunkelheit sich wieder zu seiner Truppe zu schleppen, wo dem Erschöpften die erste Pflege zuteil werden konnte. Bei der nahen Sanitätskompagnie, der als Ärzte die Bundesbrüder Bantlin und Götz angehörten, fand er die beste Aufnahme und unter ihrer Obhut erholte er sich so weit, daß er nach 2 Wochen einem Transport anvertraut werden konnte, der ihn nach langer beschwerlicher Fahrt an die deutsche Grenze zu einem Lazarettzug brachte. Aus dem Lazarett zu Stettin, wo er die nächste Aufnahme fand, konnte er im September 1915 nach Haus gebracht und hier vollends der Heilung entgegengeführt werden. Sein Drängen, wieder ins Feld zu seinem Regiment zu kommen, das inzwischen in den Westen nach Flandern versetzt war, fand wegen des Zustands der Lunge erst nach längerer Zeit die ärztliche Genehmigung. Dann ließ er sich aber nicht mehr halten und im März 1916 war er wieder bei seiner Kompagnie, an deren Spitze er bald an den schweren Kämpfen um Ypern unversehrt teilgenommen und sich die goldene Tapferkeitsmedaille erworben hat. Von da ging es mit dem Regiment zur Teilnahme an der großen Sommeschlacht. Das E. K. I und der Württ. Militärverdienstorden waren der äußere Lohn für seine allzeit bewiesene Unerschrockenheit und Tapferkeit. Nicht lange nachher sollte aber auch ihn sein Schicksal ereilen. Am späten Abend des 24. August 1916, als schon der Befehl zum Rückmarsch in die nach schwersten Wochen wohlverdiente Ruhestellung ausgegeben war, wurde seine Kompagnie noch dazu ausersehen, einem in vorderem Graben hart bedrängten Truppenteil Hilfe zu leisten. Während er in sinkender Nacht an der Spitze seiner Kompagnie vorstürmte, traf ihn ein feindlicher Schrapnellschuß. Schwer an Hals und Rücken verletzt, sank er um, konnte aber mit Unterstützung seines Bundesbruders Otto Wagner, der als Zugführer zu seiner Kompagnie gehörte, noch aus der Feuerlinie zurück und zur Sanitätskompagnie gebracht werden. Es war dieselbe (Bundesbruder Bantlin), bei der er ein Jahr zuvor in Rußland gleichfalls die erste ärztliche Hilfe erhalten hatte. Die Ärzte erkannten die große Lebensgefahr und ermöglichten seine Aufnahme in den nächsten bereitstehenden Lazarettzug, der in wenigstens noch in die deutsche Heimat bringen sollte. Seine Bundesbrüder Dr. Jüngling und Gerhard Geßler haben sich um diesen letzten Liebesdienst besonders bemüht. In Elberfeld, dem Endziel des Lazarettzugs, starb er am Tag nach der Ankunft, am 29. August 1916. Auf dem Waldfriedhof in Stuttgart wurde er am 2. September begraben.“


aus: „Die Gefallenen der Burschenschaft Germania zu Tübingen, Gedenkschrift für die im Weltkrieg gefallenen Bundesbrüder 1914–1919“, Stuttgart ohne Jahr

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