Montag, 1. August 2016

1. August 1916


„Beim hochgelegenen Morval, das halbwegs lag, begann die Artilleriezone und rundum blitzten die Abschüsse unserer Geschütze in der hereinbrechenden Nacht auf, während die Brisanzgranaten des Gegners krachend in unseren Batteriestellungen zur Entzündung kamen. Unaufhörlich rauschten die Geschosse über die Häupter der dem Feind entgegengehenden Grenadiere; Schrapnells und Leuchtkugeln wiesen ihnen den Weg zur Front. Am Schnittpunkt der Straße mit der aus Combles heraufführenden Bahnlinie lag der Regimentsgefechtsstand; dort verließ man die Straße, um auf dem Bahnkörper, der als Richtschnur dienste, in die Regimentsstellung zu gelangen. Nur schwer war im Dunkel der Nacht der Weg zu finden, denn Meter um Meter, den die Truppe näher an die Gefechtslinie kam, nahm das Gelände einen aus unzähligen Kratern gebildeten Wellencharakter an, der selbst die Bahnlinie nicht mehr erkennen ließ. Schwül war die Nacht und mühsam der Weg. Schritt um Schritt, dicht aufgeschlossen, arbeiteten sich die Kompagnien durch das Trichtergewirr hindurch, die ersten Granaten kreuzten den Weg, Schrapnells streuten ihren Inhalt über die erstmals getragenen Stahlhelme aus. Gerade aus züngelten die Flammen aus der in Brand geschossenen Zuckerfabrik südöstlich Longueval. Plötzlich stiegen rechts drüben am Delville-Wald bunte Leuchtzeichen in den nächtlichen Himmel und in wenigen Sekunden war die ganze Front angesteckt von diesen Raketensignalen, die, als einzig schönes Feuerwerk, in grünen, roten und orangenen Sternen tausende von Geschützen hüben und drüben zu ihrer vernichtenden Arbeit aufforderten. Die Ablösungen lagen in schwerem Sperrfeuer, preßten sich in die Granatlöcher, suchten auszuweichen, wurden versprengt und fanden sich wieder. Es fauchte, zischte, heulte , krachte und bebte – ein ohrenbetäubender Lärm, bei dem kein Wort mehr zu verstehen war. Am Nordrand von Guillemont rissen 30er und 38er Granaten haustiefe Löcher in den ausgetrockneten Boden und warfen sie im nächsten Augenblick wieder zusammen. Staub, Gas und Schwefelgeruch legten sich beizend auf die Augen und brannten in der Nase. War ein Nachtangriff im Gang, hatte ein Ängstlicher vorzeitig das Leuchtzeichen gelöst? Niemand wußte es und erst, als die Wut des Feuers sich legte, fand man sich wieder zurecht, tastete weiter und erreichte um 2 oder 3 Uhr früh die Stellung, wo einem die Sachsen erklärten, daß es sich nur um einen der üblichen Feuerüberfälle gehandelt habe. Kurze Zeit nur waren die Kompag-nien in Stellung, da schlug eine schwere Granate in einen Zug der 1. M. G. Kompagnie, setzte ihn nahezu restlos außer Gefecht und tötete den Zugführer, Leutnant d. R. Dettling. Dies waren unsere ersten Verluste in der Sommeschlacht, deren Grauen in jener nächtlichen Ablösung mit elementarer Wucht über uns gekommen war.
Nun lagen die Kompagnien in den zerschossenen Gräben, rechts die 5., links die 6. Kompagnie, bei ihnen 5 Maschinengewehre, der Rest des Bataillons und 2 Maschinen-gewehre in Reservestellung um Ginchy herum. Der K. T. K. lag mitten im schwersten Feuer am Nordrand von Guillemont, bei ihm 2 weitere Maschinengewehre, Ordonnanzen, Meldeläufer, Sanitäter, Verwundete, Gefangene – Alles eng gepreßt in einem tiefen ehemaligen Artilleriestollen, in dem eine von Hitze, Staub und Aus-dünstung gesunder und verletzter Menschen zusammengesetzte Luft sich lähmend auf Geist und Körper legte. Die Kompagnien draußen in den Gräben hatten nicht einmal eine solche Unterkunft und nirgends war eine Stellung zu erkennen, als man am Morgen das Auge über Trichterkämme, Kalk, Staub und Erde schweifen ließ. Zur Linken waren die Reste von Guillemont sichtbar, welche I. R. 124 zu schützen hatte, rechts anschließend lag das Grenadierregiment, das mit seinem linken Flügel am ehemaligen Bahnhof Anschluß an den Nachbar hatte. Nach rechts hin war Anschluß erst nach Tagen zu bekommen, wo das I. R. 52 bald hernach durch die 26. I. D. abgelöst wurde. Nur ein Verbindungsweg führte nach rückwärts; aber es war ein enge Schlauch, der in dem ewigen Feuer nahezu völlig zerschossen war, so daß der Verkehr übers freie Gelände gehen mußte und ein Erreichen der vorderen Linie bei Tag nur einzelnen Leuten, von Granatloch zu Granatloch springend, möglich war.
Dort hausten in kleinen seitlichen Nischen, in Minen- und Granatrissen, ruhend und halb sitzend, halb stehend, die Schützengräbenmänner, immer lauernd auf den Gegner, immer schaufelnd und grabend, wenn die Granate, die das bißchen Unterkunft zusam-menwarf, einen selbst am Leben gelassen hatte. Nur einige ganz wenige Stollenansätze in dem auf einer Kreideschicht liegenden Lehmboden boten splittersichere Deckung. Der Magen verweigerte die Nahrung in dem unausstehlichen Verwesungsgeruch der Gefallenen, die inmitten der Schlacht ihre letzte Ruhe finden mußten, und von Durst geplagt lagen Offiziere und Mann in ihren Löchern; regungslos bei Tage, um die Stellung nicht zu verraten, arbeitsam bei Nacht, um wenigstens die nötigste Verbindung unter den Schützengruppen aufrecht zu erhalten. Wer verwundet war, blieb liegen, bis die Nacht Erlösung brachte, die den Krankenträgern ihr mühsames Amt ermöglichte. Über sich vom frühen Morgen an eine Unzahl Flieger, denen die Deutschen entfernt nicht gewachsen waren, vor sich eine immer frische angriffsfreudige Infanterie, um sich den eisernen Teufelsspuk einer aufs Wahnsinnigste gesteigerten Artillerie, hinter sich einen ungenügenden eigenen Artillerieschutz – und trotzdem hielten jene Männer noch in der dritten ebenso wie in der ersten. In dieser fürchterlichsten aller Lagen gab es nur einen Zeitbegriff und das waren die 3 mal 24 Stunden, die man in der Kampfstellung verbringen mußte. Dann ging’s in völliger Abspannung in Bereitschaft oder Reserve zurück, wo man von dem Fortgang der Schlacht nicht viel wissen wollte, bis ein Alarm- oder Ablösungsbefehl der Ruhe ihr Ende bereitete.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

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