Montag, 8. August 2016

8. August 1916


„Ein ausgesprochener Tag der Artillerie war der 7. August, an dem ein stoßweises Feuer aller Kaliber den Kampfabschnitt zerwühlte. Mit Vorliebe lag es auf dem schon längst gänzlich geräumten Ginchy und auf der vorderen Linie, die eine Breite von 800 m hatte. Hauptsächlich links und rechts der Straße nach Longueval war sie nahezu völlig zerstört worden, aber auch der rechte Flügel des Abschnitts litt hart, und dies umso mehr, als unglücklicherweise auch starkes eigenes Feuer hinzukam. Trotz aller Bemühungen war es tagelang nicht wegzubringen und schmerzliche Verluste hatte es zur Folge. An zwei Tagen fielen hier tüchtige Zugführer der 12. Kompagnie eigenen Granaten zum Opfer. Die schwere Beschießung des 7. Augusts, die eine starke Verseuchung der Luft mit Reiz- und Brechgasen zur Folge hatte, ließ einen gegnerischen Vorstoß als unaus-weichlich erscheinen. Noch aber sollten die nerven nicht zur Ruhe kommen und erst am Morgen setzte der Infanterieangriff ein, der nach solcher Vorbereitung immer wie eine Erlösung wirkte. Er stieß auf das III. Bataillon, das mit 12. Kompagnie rechts, ein Zug 11. in der Mitte, 10. Kompagnie links, seit 48 Stunden eingesetzt und durch 5 Maschinengewehre der 2. M. G.-Kompagnie verstärkt war.
Nach einer von 1 Uhr früh ab sich langsam bis zum Trommelfeuer steigernden Artillerievorbereitung trat am 8. August früh kurz nach 5 Uhr die englische Infanterie zum Sturme an: vor dem rechten Flügel des Regiments etwas früher, als vor dem linken, wo die 10. Kompagnie in dem vom schweren Feuer heimgesuchten Gelände nord-westlich Guillemont furchtbare Stunden auszuhalten hatte. Hier gelang dem Gegner auch ein Anfangserfolg, während weiter rechts die 12. Kompagnie, unterstützt von Teilen der 11., den Gegner vor ihrer Trichterstellung, an die er mit einzelnen Schützen bis auf 20 m herankam, unter schweren Verlusten abwies. Zurückflutend im gut-liegenden Sperrfeuer der deutschen Artillerie wird nur ein kleiner Teil der Angreifer aus diesem völlig gescheiterten Morgenangriff zurückgekommen sein. Bei der 10. Kom-pagnie dagegen konnten die Engländer sich kurze Zeit in einem an der Straße Guillemont / Longueval gelegenen Gehöft festsetzen, wurden aber durch das Feuer eines Maschinengewehrs und einen anschließenden Gegenstoß zurückgeworfen. Auch weiter links war dem Gegner in zweimaligem mit starken Kräften geführten Stoß ein Anfangserfolg beschieden, den Unteroffizier Buck der 10. Kompagnie in einem schneidigen Handgranatenangriff wieder wettmachte. Auf dem äußersten linken Flügel des Regiments aber gestaltete sich die Lage schwierig. Hier hatte die englische Artillerie in der Gegend des ehemaligen Bahnhofes eine breite Lücke in die deutsche Linie hineingetrommelt und durch und an den Trümmern von Guillemont vorbei bahnten sich im Nebel starke Wellen einen Weg bis hinter die Mitte des Regimentsabschnitts, wo sie in dem zum K. T. K. führenden Verbindungsweg fürs erste Halt machten.
Der K. T. K., Major Landbeck, hatte kurz vor 6 Uhr, als das feindliche Artilleriefeuer nach rückwärts verlegt wurde, mit seinem ganzen Stab den Unterstand verlassen, das bei ihm befindliche Maschinengewehr in Stellung gebracht und mit dem Adjudanten, Ordonnanzoffizier, sowie 15 Befehlsgängern, Burschen und Telephonisten rechts und links davon einen alten Graben besetzt. Plötzlich tauchten im Nebel rechts rückwärts, also aus nordwestlicher Richtung, ein Haufen von 30 – 40 Engländern auf, die lässig in freiem Gelände stehend ein grünes Leuchtzeichen abbrannten und anscheinend berat-schlagten, was zu tun sei. Eine Garbe aus dem M. G. des Leutnants Wizemann machte ihrem Zweifel ein rasches Ende und, was sein Leben behalten hatte, verschwand eilends im Morgendunst oder verkroch sich in Granatlöchern. Die Lage für den K. T. K. blieb aber in ihrer Unsicherheit bedrohlich und er schoß die vier verabredeten Leuchtkugeln zum Antreten der Bereitschaftskompagnien bei Ginchy ab, was jedoch bei der Unsichtigkeit der Luft erfolglos war. Der K. T. K. blieb somit auf sich selbst gestellt und in mehrstündigem Kampf mit dem vorwärts, seitwärts und rückwärts eingedrungenen Gegner war hier der Bataillonskommandeur zum Führer des Feuergefechts der vorderen Linie geworden. Die einzige wertvolle Unterstützung brachte ihm ein durch 1 Maschi-nengewehr verstärkter Infanteriezug des I. R. 124, der in seiner Nähe im Stollen unter-gebracht war und mit in das Gefecht eingriff. Lange blieb die Lage ungeklärt und erst als sich der Nebel nach 8 Uhr verzog, wurde erkannt, daß der Gegner in dem zur vordersten Linie führenden Verbindungsgraben saß, wo er wenig Deckung fand und im Flankenfeuer Verluste erlitt. Aber auch die Besatzung des K. T. K. Stollens lichtete sich und 4 Tote, 2 Verwundete vom Bataillonsstab sanken neben ihrem Kommandeur zu Boden.
Glücklicherweise aber war auch von der vorderen Linie der eingedrungene Gegner erkannt worden und alsbald drückte die 12. Kompagnie auf seine linke Flanke von vorn, während von Süden her der Bataillonsstab ihn unter Feuer nahm und ein Gegenstoß der 124er im östlichen Guillemont durchgebrochene Engländer ebenfalls in den Verbin-dungsweg hineintrieb. So mochte der Gegner an der Rettung aus seiner Umklammerung verzweifelt sein und erst einzeln, dann in stärkeren Gruppen kamen Engländer mit hocherhobenen Händen auf den K. T. K. zu, von wo aus man durch Zuruf ihnen den Entschluß zur Übergabe erleichterte. Über 200 Mann ergaben sich hier dem Bataillons-kommandeur und mit den vom I. R. 124 gemachten Gefangenen waren es insgesamt 8 Offiziere, 352 Mann. Als sie nach rückwärts in kleineren Trupps den Marsch antraten, wurden sie von unserer Artillerie und Maschinengewehren für durchgebrochene Engländer gehalten und längere Zeit unter Feuer genommen, bis sich der Irrtum aufklärte. Auch vom Regimentsgefechtsstand aus wurde der Anmarsch dieser Engländer beobachtet, was Veranlassung gab, Teile des Bereitschaftsbataillons (II.) nach vorwärts zu ziehen. Aber weder sie, noch 2 Kompagnien des Reservebataillons, die auf Divisionsbefehl nach Morval entsandt wurden, kamen zu einer Gefechtsverwendung, da der Gegner sich mit dem Scheitern seiner Frühangriffe zufrieden gab.
Unmittelbar nach der Kapitulation der eingedrungenen Engländer hatte sich die vordere Linie wieder geschlossen, die Verbindung zum I. R. 124 wurde aufgenommen und die Gefahr konnte zunächst als beseitigt gelten. Die Kompagnien des II. Bataillons rückten daher mittags 12 Uhr an ihre alten Plätze wieder zurück und nur die 9. und 11. Kompagnie, die bei Ginchy lagen, erhielten den Befehl, sich mit dem K. T. K. in Verbindung zu setzen und zu seiner Verfügung bereit zu bleiben. Aber erst am späten Abend war eine Verstärkung der Kampftruppe nötig geworden, die durch im schwersten Feuer vorgehende Teile der 9. Kompagnie erfolgte. Diese Auffrischung reichte bei dem Kräfteverbrauch des Kampfbataillons und den bedeutenden Verlusten, die im ganzen aus 41 Toten, 145 Verwundeten und 15 Vermißten sich zusammensetzten, jedoch nicht aus, und so war eine Ablösung des ganzen Kampfbataillons dringend nötig geworden.“


aus: „Die Ulmer Grenadiere an der Westfront“, Stuttgart 1920

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